Die bleibende Erwählung des jüdischen Volkes

Gedanken zum "Tag des Judentums". Christus hat uns durch die Taufe die Möglichkeit gegeben, in das Volk Gottes aufgenommen zu werden. Bei Einhaltung der Gebote des Bundes würden sie der Erlösung durch den einen, nicht vorstellbaren, ewigen Gott teilhaftig werden.

In dreizehn Wochen begehen Juden Pessach und Christen Ostern, die wichtigsten Feste beider Religionen. Zu Pessach wird der Auszug der Israeliten unter seinem Anführer Moses aus Ägypten gefeiert. Den Brotteig nahmen sie wegen der Schnelligkeit des Auszugs noch ungesäuert mit. Daher wird das Fest auch das Fest der ungesäuerten Brote genannt.

Aber wie kamen die Israeliten nach Ägypten? Stammvater Jakob lebte in Kanaan und hatte zwölf Söhne. Der Zweitjüngste war Josef, der von seinen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde. Josef brachte es in Ägypten zu hohen Ehren, war Berater des Pharaos und holte auch seine Brüder nach. Die zugewanderten Israeliten wurden in Ägypten zu einem großen angesehenen Volk, was in späterer Folge durch Neid zu Anfeindungen durch die ansässigen Ägypter führte - der versuchte Mord an den männlichen israelitischen Neugeborenen war die Folge. Auch im 20. Jahrhundert kam es zu ähnlichen Anfeindungen, obwohl die Juden sich sehr stark in der europäischen Gesellschaft assimiliert hatten.

Nun, die Israeliten, das von Gott auserwählte Volk, zog aus Ägypten aus, das Heer des Pharaos wurde im Meer vernichtet. Vierzig Jahre wanderte das Volk und hatte öfters Mangel an Wasser und Essen. Es folgte die Gesetzgebung am Berg Sinai und Gott versprach dem Volk Israel, dass, bei Einhaltung der Gebote, es immer genügend zum Leben haben würde. Ein Menschenleben dauerte damals ca. vierzig Jahre, der Auszug ebenfalls so lange. Es erreichte daher keiner, der auszog, lebend das Gelobte Land, auch Moses durfte nur von einer Bergspitze einen Blick hinein tun.
In unserem christlichen Leben werden wir an diesen Auszug erinnert. Durch die Taufe ziehen wir ein neues Gewand an und sind bereit für ein neues Leben das uns Gott bei Einhaltung der Gebote versprochen hat. Erst die zweite Generation der Juden erreichte das Gelobte Land.

Die Völker treten zum Volk Gottes hinzu

1200 Jahre später wurde Israel von den Römern besetzt. In dieser Zeit der Bedrängnis tritt Jesus auf und erleichterte als Gottessohn und Jude Nichtjuden den Zugang zum jüdischen Glauben. Bei Einhaltung der Gebote des Bundes würden sie der Erlösung durch den einen, nicht vorstellbaren, ewigen Gott teilhaftig werden. Als Zeichen dafür wird die Taufe – ein Tauchbad ähnlich der rituellen Mikwe der Juden, das der Reinigung von den Sünden gilt – entgegen der Meinung des Apostel Petrus, der für die Beschneidung war, gesetzt. Jesus sagte, er sei nicht gekommen das Gesetz des Bundes aufzuheben, er wolle es nur vervollkommnen.

Jüdische Quellen des christlichen Feierns

Das Judentum nach Paulus verlor infolge griechischer und römischer Einflüsse einiges seiner Ursprünglichkeit, wie die strengen Speisegesetze. Wurde anfangs noch der jüdische Sabbat gefeiert so wurde er durch den Sonntag als Erinnerungstag an die Auferstehung Christi ersetzt. Einzig der heutige Vorabendgottesdienst der Christen hat noch eine vage Beziehung zum Sabbat. Die Feier des Sabbat-Mahles Freitag abends - in jedem halbwegs jüdischen Haus eine feierliche Angelegenheit bei schön gedecktem Tisch mit zwei Kerzen und Segenspruch über Brot und Wein - zeigt noch immer die Ableitung des christlichen Gottesdienstes von der jüdischen Sabbat-Feier.

Aber auch das christliche Pfingstfest und das jüdische Schawuot-Fest finden zu ähnlichen Zeiten statt. Beim Judentum wird der ersten Gerstenernte gedacht, während es bei den Christen das Erscheinen des Heiligen Geistes ist. Das Laubhüttenfest im Herbst und das christliche Erntedankfest feiern die Ernte. Einzig der Versöhnungstag der Juden im September hat kein Pendant im Christentum. Es sieht so aus, als hätte unser Sakrament der Buße dieses ersetzt. Beim jüdischen Chanukka-Fest wird an das Auffinden von genügend Öl für die Leuchter im zerstörten Tempel gedacht und ein achtarmiger Leuchter angezündet, ähnlich dem Adventkranz.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Christus hat uns durch die Taufe die Möglichkeit gegeben in das Volk Gottes aufgenommen zu werden. Während die Juden den Auszug aus Ägypten vor allem als Erlösung für ihr ganzes Volk betrachten gilt für uns Christen die Erlösung eher für die Einzelperson. Es gilt in beiden Fällen die Gebote einzuhalten, die auf den Zehn Geboten vom Berg Sinai beruhen, um das Ziel der Verheißung zu erreichen. Dass der Gott der Juden ein einziger, nicht vorstellbarer ist, wurde im Christentum durch den Versuch, die Größe Gottes zu umschreiben, aufgeweicht, so dass schließlich dieser einzige Gott durch seine Eigenschaften in einen Vater, einen Sohn und einen Heiligen Geist zerlegt wurde.

Ulrich Habsburg-Lothringen
Der Autor ist Mitglied im Beirat des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

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