Nirgends ist aufgetragen, den Feind zu hassen

Es ist mir bewusst, dass die Evangelien nicht für Juden geschrieben wurden und daher enthalte mich üblicherweise auch eines Kommentars dazu. Doch da ich in einem christlichen Haus lebe und die Kärntner Kirchenzeitung in diesem Haus auch gelesen wird, habe ich zu der letzten Ausgabe einige Anmerkungen bzw. Richtigstellungen zu machen, da sie das Judentum betreffen.

In der ersten Lesung wird Lev. 19,17/18 zitiert zur Nächstenliebe: „Du sollst deinen Bruder nicht hassen in deinem Herzen; zur Rede stellen sollst du deinen Nächsten, dass du nicht seinetwegen Sünde tragest. Du sollst dich nicht rächen und nichts nachtragen den Kindern deines Volkes, sondern deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der Ewige."
Im Evangelium nach Matthäus 5,43 wird dann folgendes verkündet: „Ihr habt gehört, dass euch gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen." Kannte der Evangelist die Tora nicht, dass er so etwas behaupten konnte? An keiner Stelle der Tora wird der Hass auf den Nächsten gut geheißen, wie ja schon aus der oben zitierten Leviticus-Stelle zu ersehen ist! Auf der nächsten Seite in der KK wird versucht in bewährter – das Judentum abwertender – Weise, die Leviticus-Stelle zu erklären, indem wieder einmal behauptet wird, dass im Alten Testament der Nächste ein Angehöriger des Bundesvolkes sei oder bestenfalls ein Gast.

Ich zitiere dazu aus dem Kommentar zu Leviticus des Rabbiners Dr. Joseph Hertz (Oberrabbiner von Großbritannien in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts):

„Obgleich der Begründer des christlichen Glaubens die Worte ‚Liebe deinen Nächsten' als altes biblisches Gebot von anerkannter zentraler Bedeutung zitiert, behaupten viele christliche Theologen, dass das hebräische Wort für ‚Nächsten – rea' in diesem Vers sich nur auf den israelitischen Genossen beziehe. Seine Sittlichkeit sei daher nur auf den Stamm begrenzt. Doch die Übersetzung des hebräischen Wortes ‚rea' mit israelitischer Genosse ist unrichtig. Man braucht kein Hebraist zu sein, um sich davon zu überzeugen, dass ‚rea' den Nächsten ohne Rücksicht auf Rasse oder Glauben bezeichnet. So kann in Exodus 11,2 – ‚dass jeglicher Mann erbitte von seinem Nächsten und jegliche Frau von ihrer Nächsten silberne Geräte' – das hebräische Wort ‚rea' unmöglich ‚israelitischer Genosse' bedeuten, sondern bezieht sich ganz klar auf die Ägypter. Wie in allen sittlichen Vorschriften der Bibel, ist das Wort ‚Nächster' in Lev 19,18 mit Mitmensch gleichbedeutend und umfasst jedes menschliche Wesen auf Grund seines Menschtums. Um aber jedes Missverständnis auszuschließen, wird das Gebot der Nächstenliebe in V 34 desselben 19. Kapitels von Leviticus auf den heimatlosen Fremden ausgedehnt. ‚Wie der Eingeborene unter euch sei der Fremdling - ger, der bei euch weilt, und du sollst ihn lieben wie dich selbst, denn Fremdlinge - gerim - wart ihr im Lande Mizraim (Ägypten).....Von den Israeliten in Ägypten wird in demselben Vers ebenfalls als von ‚gerim' gesprochen, und sie haben niemals in ihrer Gesamtheit den Glauben an Isis oder Apis angenommen."

So weit - und noch viel mehr - zu dieser Stelle in der Bibel. Was den angeblich von den jüdischen Schriften geforderten „Feindeshass" betrifft, will ich hier nur zwei von vielen anderen Zitaten bringen, wie man im Judentum mit dem Feind umgehen soll.

  • Exodus 23,4.5: „So du triffst auf den Ochsen deines Feindes oder auf seinen Esel, der irre geht, bringe ihm denselben zurück. So du siehest den Esel deines Hassers erliegend unter seiner Last und du wolltest unterlassen, es ihm leichter zu machen: Mache es ihm leichter."
  • Sprüche 25,21.22: „Wenn dein Feind hungrig ist, gib ihm Brot zu essen, dürstet ihn, so reiche ihm Wasser zu trinken ... und der Herr wird es dir lohnen."

Einen Feind zum „Nichtfeind" machen, das sind die jüdischen Forderungen!

Friederike Habsburg-Lothringen ist Vorstandsmitglied des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

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