Traditionelle Stereotypen

Im Themenschwerpunkt "Blasphemie" in der Wochenzeitung Die Furche 9/ 2014 verfasste der Freiburger Moraltheologe Eberhard Schockenhoff den Hauptartikel. Seine Thesen sollen nicht unwidersprochen bleiben.

Schockenhoff schreibt:

Der Anspruch Jesu, durch seine Predigt des Reiches Gottes, in seinen Wundertaten und Gleichnissen, vor allem aber durch seine Infragestellung des jüdischen Gesetzes und das neue Ethos der Bergpredigt den Willen seines Vaters in unüberbietbarer Weise auszulegen, kam in den Augen frommer Juden einem unerhörten Frevel gleich. Die Krankenheilungen am Sabbat und die von Jesus beanspruchte Vollmacht, Sünden zu vergeben, weisen in die gleiche Richtung. Sein vertrauter Umgang mit Gott, der im Gebrauch der familiären Anrede „Abba" sichtbar wird, verletzt die jüdische Vorschrift, den Gottesnamen nicht auszusprechen.

Aus jüdischer Sicht konnte ein solcher Religionsfrevel nur mit der Kapitalstrafe in ihrer schändlichsten Form, dem Tod am Kreuz geahndet werden. Auf die Feststellung des Hohepriesters nach dem Verhör Jesu: „Er hat Gott gelästert!", antwortet der Hohe Rat: „Er ist schuldig und muss sterben" (Mt 26,65f). Die literarische und theologische Stilisierung durch den Evangelisten setzt als zeitgenössischen Hintergrund voraus, dass „von den Juden das christliche Bekenntnis zu Jesus als dem Messias und Gottessohn als gotteslästerlich empfunden wurde" (Jochen Gnilka). Durch die Inanspruchnahme des Messiastitels und der Gottessohnwürde überführt Jesus sich selbst.

Eberhard Schockenhoff gelingt es, in zwei kurzen Absätzen, zentrale traditionelle Stereotypen aus der judenfeindlichen theologischen Requisitenkammer zu präsentieren: von der "Infragestellung des jüdischen Gesetzes" bis hin zum "neuen Ethos der Bergpredigt". Das "christliche Bekenntnis zu Jesus" wurde "von den Juden" als gotteslästerlich empfunden. Ein solcher Religionsfrevel konnte aus jüdischer Sicht nur mit dem Tod am Kreuz geahndet werden, so Schockenhoff. Also doch: die Juden sind schuld am Tod Jesu.

Wer waren die Anhängerinnen und Anhänger Jesu, die bekannt haben, Jesus sei der Messias, wer jene, die bis zuletzt bei ihm waren, wer Paulus, wer die Evangelisten? Ein "christliches Bekenntnis"? All diese waren Jüdinnen und Juden. Ohne das Auferstehungszeugnis von toratreuen Jüdinnen und Juden gäbe es unseren Glauben nicht. Was ist weiters mit der programmatischen Verstehensrichtung der Bergpredigt: "Nicht der kleinste Buchstabe der Tora wird vergehen"? Ja sogar über die Pharisäer und Schriftgelehrten sagt Jesus im Matthäusevangelium: "Tut und befolgt alles, was sie euch sagen." (Mt 23,3) Überflüssigerweise kommt mit der Erwähnung der angeblich exklusiven "Abba"-Anrede Jesu auch noch die Theologie des NSDAP-Mitglieds Gerhard Kittel zu unverdienten Ehren.

Manchmal wird geklagt, die Erneuerung der christlich-jüdischen Beziehungen in den Kirchen sei noch nicht bis zur Basis vorgedrungen. Anscheinend ist sie manchmal auch noch nicht bei führenden Theologen gelandet.

Markus Himmelbauer

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