Entfernt endlich Antijudaismen aus der deutschen Sprache!

Bei der Gedenkveranstaltung gegen Gewalt und Rassismus im Parlament am 5. Mai 2014 hielt Karl Schwarzenberg in eine eindrucksvolle Rede über die Schuld nicht nur derjenigen, die Verbrechen begangen haben, sondern auch jener Menschen, die durch Wegsehen am Ermöglichen dieser Verbrechen mitgewirkt haben. Insbesondere auch der Politiker, die so lange Ausreden dafür gefunden haben, nicht gegen die Aggressionen Nazi-Deutschlands vorzugehen, bis die Katastrophe einschließlich des 2. Weltkriegs nicht mehr aufzuhalten war. Dann hat er richtigerweise den Bogen zum Heute gespannt, zu Hassreden und dem dabei Weghören und -sehen, die nicht weniger folgenreich werden können als in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Er hat auch von der Schoa, nicht dem Holocaust, gesprochen, auch dem der Zigeuner; und er hat dieses heute verpönte Wort explizit aus- und angesprochen: Das Ersetzen durch das Wort „Roma" allein genügt nicht, um die Vorurteile abzubauen. Karl Schwarzenberg ist seinen gewohnt direkten Ansagen ohne Verbeugung vor einer „political correctness" als Selbstzweck treu geblieben.

Und dann kamen seinem Munde zwei der Ungeheuerlichkeiten – nicht nur – der deutschen Sprache: Pharisäer und Pharisäertum als Synonyme für Heuchler, Scheinheiliger bzw. Heuchelei, Scheinheiligkeit. Die Pharisäer waren die Vertreter der religiösen Richtung des Judentums, aus der sich das rabbinische, das heutige Judentum entwickelt hat. Sie waren somit zwar die Diskussionspartner von Jesus aus Nazareth, jedoch die Kontrahenten von Paulus und den von ihm etablierten christlichen Gemeinden. In diesem Konflikt wurde ihnen Falschheit nachgesagt, und binnen Kurzem wurde aus der Beleidigung einer religiösen Überzeugung, die nicht die christliche war, ein antijüdisches Schimpfwort.

Wenn wir heute schon Worte wie „Zigeuner" und „Neger", die auch, aber nicht nur als Schimpfwörter verwendet wurden, als „politically incorrect" aus dem täglichen Sprachgebrauch entfernt haben, so ist es höchste Zeit, die nur negativ besetzten Worte „Pharisäer" und „Pharisäertum" aus dem deutschen Wortschatz zu entfernen, ausgenommen als sachlich korrekte Bezeichnung für die Vorläufer des rabbinischen Judentums. Auch für die Kaffeespezialität „Pharisäer" - ein Kaffee mit Schlagobers, der seine Alkoholkomponente, Rum, optisch unerkennbar versteckt – sollte die Scheinheiligkeit einen anderen Namen erhalten. Man darf nämlich nicht vergessen: Was in der Sprache vorkommt, setzt sich in den Köpfen fest.

Lieber Herr Schwarzenberg, Ihre Rede im österreichischen Parlament war von einer Qualität und Aussagestärke, die man sich von Politikern im Hohem Haus oder bei Feierlichkeiten nur wünschen kann; ich war beeindruckt und habe ehrlichen Herzens applaudiert. Aber bitte denken Sie in Zukunft daran, dass die Worte „Pharisäer" und „Pharisäertum" eindeutig antisemitischen – na gut, antijüdischen – Ursprungs sind, und daher nicht zu Ihrer persönlichen Einstellung zu Juden passen, aber auch nicht zur Politik der von Ihnen ehemals vertretenen Tschechischen Republik, deren Exekutive erst vor wenigen Wochen spektakulär gegen einen antisemitischen Autor vorgegangen ist – was leider den österreichischen Medien keine Erwähnung wert war.

Willy Weisz
Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit

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