rosé: Gedenken ohne Sentimentalität und Schuldgefühle

Stadtschlaining. Bei der klangfruehling-Gala am 27. Mai in der Burg Schlaining war "rosé" von Gerhard Krammer zu hören. Ein würdiges Stück der Erinnerung an eine außergewöhnliche Frau und Musikerin, das Herz und Verstand anspricht.

Eine Erklärung im Konzertsaal vor einem zeitgenössischen Musikstück lässt die Gefahr vorausahnen, dass das nun folgende Kunstwerk nur intellektuell zu verstehen wäre. Bei Gerhard Krammes "rosé" war es durchaus nicht so. Seine Komposition für zwei Klaviere und Elektronik in Erinnerung an die Wiener Geigerin Alma Rosé, spricht die Emotionen an, ohne jedoch je plakativ zu sein. Alma Rosé war eine Leiterin des Mädchenorchesters von Auschwitz: Auschwitz hat seinen Platz in dem Stück, aber nicht in martialischen Schlägen, wie wir sie aus der Filmmusik kennen, wenn dort das Böse auftritt, sondern als Klangaufnahme aus dem ehemaligen KZ genau am 50. Todestag von Alma Rose am 4. April 1944: Vogelgezwitscher, Frühlingsstimmung - um nichts weniger eindringlich und bedrückend. Auch die Glissandi im zweiten Satz kommen nie in die Versuchung, eine Nähe zu esoterischer Stimmungsmache herzustellen. Die Erklärungen waren eine hilfreiche Einführung dazu, ohne dass das Hören dadurch überflüssig geworden wäre.

Ausgangspunkt der Komposition von Gerhard Krammer ist das Konzert für zwei Violinen d-Moll BWV 1043 von Johann Sebastian Bach. Davon gibt es eine Aufnahme aus dem Jahr 1928 von Alma Rose gemeinsam mit ihrem Vater Arnold (Link zur

). Bach selbst arbeitete es später für zwei Cembali um, als Konzert c-Moll BWV 1062. So lag es auch nahe, dieses Stück als Inspiration für die neue Komposition für das Klavierduo Eduard und Johannes Kutrowatz aufzugreifen. Wir schauen zurück auf Alma - entsprechend beginnt Krammer mit dem letzten Satz des Konzerts, den er Note für Note umgekehrt von hinten nach vorne spielen lässt. Bach überwältigt auch in der Gegenrichtung - ein würdiges und standfestes Präludium für die folgenden Sätze. Elektronische Verfremdungen des Klavierklangs geben den Hörerinnen und Hören zu verstehen, dass wir heute nur den Widerhall füherer Zeiten wahrnehmen, dass viel geschieht und geschehen ist, bis Geschichte bei uns heute zur Sprache kommt.

Viel Zeit nimmt der zweite Satz ein: die Eckpunkte des Bach-Konzerts verwoben mit ausgreifenden Glissando-Klängen. Viel Zeit, die man zu Ehren von Alma Rosé verbringt, keine schnelle Gedenkübung, sondern angewandte Entschleunigung. Die Künstlerin und die Musik sind es wert, sich für sie Zeit zu nehmen. Die Pianisten spielen diesen Satz mit weißen Handschuhen: ein Zeichen für Vornehmheit oder für Vorsicht, die Verletzlichkeit der Beziehung vom Damals zum Heute auszudrücken? Der letzte Satz Krammers bezieht sich noch lose auf den ersten Satz Bachs. Immer wieder sind Zitate aus der Aufnahme von 1928 mit der Aufführung heute verbunden. Besonderen Stellenwert nimmt die 1928 aufgenommene Stille zwischen den Sätzen des Doppelkonzerts ein, das Stück führt uns mit der vogelzwitschernden Stille im ehemaligen KZ  Auschwitz am 4. April 1994 wieder in unsere Zeit zurück.

"rosé" ist kein Stück über das Grauen von Auschwitz, es ist weder sentimental noch erhebt es mahnend den Zeigefinger. "rosé" ist ein außergewöhnliches Stück, um an das Schicksal einer außergewöhnlichen Frau zu erinnern. Diese Komposition hat im Konzertsaal ihren Platz, nicht (nur) bei Gedenkfeiern.

Tosender Applaus, der vom Herzen kam, bei der klangfruehling Gala am 27. Mai 2014 in Schlaining. Applaus für die Ausführenden, die Brüder Kutrowatz, die kräftig und lyrisch immer den rechten Ton trafen; Applaus für den Komponisten Gerhard Krammer, der uns mit "rosé" ein besonderes musikalisches Werk und einen besonderen Baustein der Erinnerungskultur geschenkt hat.

Markus Himmelbauer

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