Hana Bendcowsky: “A cross and a star in the Holy Land. Jewish-Christian Relations in the Israel context.”

Gastvortrag am 8. Mai 2017, Universität Wien, Institut für Praktische Theologie der Kath.-Theol. Fakultät

 

“Wer ist Jeshua?” – “Der Sohn Gottes!” – „Nein, nicht der Jeshua in der Kirche, sondern der aus der Schule!“

Im Hebräischen werden die Namen Josua und Jesus ident ausgesprochen. Für das katholische Migrantenkind aus den Philippinen, das in Israel geboren in eine jüdische Schule geht, fließend hebräisch spricht, den jüdischen Fest- und Feierzyklus kennt und miterlebt und zugleich am Sonntag den Gottesdienst und die Sonntagsschule besucht, die die Katholische Kirche in Israel speziell für 2. Generation katholischer Zuwanderer in Israel eingerichtet hat, kann das zu Verwirrung führen. Das zeigt dieser kurze Dialog auf eindrückliche Weise.

Die Frage, wie diese Kinder und Jugendlichen ihre Identität beschreiben, ist nur eine der unzähligen Fragen, die die Programmdirektorin des JCJCR (Jerusalem Center for Jewish-Christian Relations), Hana Bendcowsky, bei ihrem inspirierenden Vortrag an der Universität Wien ihren Hörerinnen und Hörern mitgegeben hat. In einem eineinhalbstündigen Feuerwerk ist sie der leitenden Frage nachgegangen, worin sie die Herausforderungen im Zusammenleben und Dialog zwischen einer jüdischen Mehrheit und einer christlichen Minderheit im Heiligen Land sieht – nach zwei Jahrtausenden eine historisch neuartige Situation. Die Fragen, von welchem „Israel“ dabei gesprochen wird – denkt man an die biblischen, die politischen, die religiösen; die realen oder die erhofften Grenzziehungen? – oder von welchen Juden und Christen dabei jeweils die Rede ist, wenn man über jüdisch-christliche Beziehungen spricht – worum immer es sich dabei handeln mag -  gehören da „nur“ zu den einfachen Fragen, für die die Referentin sensibilisierte.

Im Vortrag widmete sie sich der Frage nach den Spezifika und Unterschieden der Dialog-Situation in Israel und Europa, fragt nach dem Erreichten und den Themen, die hinkünftig auf der „theologischen“ Agenda stehen. Deutlich wurde, wie sehr soziologische Faktoren wie Mehrheits- und Minderheitsverhältnisse den Dialog ebenso prägen wie Lehrpläne in Schulen, Auswirkungen von Migration oder die Frage, was denn unter „religiös“ oder „säkular“ sein“ verstanden wird. So bedeutet z.B. ein säkularer Jude, eine säkulare Jüdin zu sein, in Israel etwas anderes, als die westeuropäische Sicht auf den Begriff „Säkularität“ nahelegen würde – säkulare Jüdinnen kennen und leben ihre Tradition ebenso, nur nicht unbedingt entsprechend der jüdisch-orthodoxen Vorschriften. „Religiös sein“ wiederum meint in Israel v.a. eine Praxis und sagt als Selbstaussage noch nichts über „Gläubigkeit“ oder „Weltanschauung“ aus. Lernen konnte man auch über die innerchristlichen, ja, selbst innerkatholischen Unterschiede zwischen Israel und Europa resp. Österreich: Für arabische Christen ist es z.B. überaus schwierig anzuerkennen, dass Jesus Jude war – denn im Horizont ihrer Lebenserfahrung kann Jude bedeuten: „der Feind“. Texte wie Nostra Aetate sind in Israel auch für katholische Christen nicht nur oft nicht bekannt, sie gelten manchen als „europäisch“.

Der Abend machte bewusst, wie vielfältig und widersprüchlich, wie komplex und vielschichtig jüdisch-christliche Beziehungen in Israel sind. Die Unterschiede verdeutlichten, wie viel man hier noch voneinander lernen kann.

 

Regina Polak

 

Link zum Jerusalem Center for Jewish-Christian Relations: http://www.jcjcr.org/

 

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