Gesetz oder Evangelium – eine folgenreiche Polarisierung.

Studientagung der Evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau und des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, unterstützt vom Ring Österreichischer Bildungswerke und dem Land Niederösterreich, 30. April bis 1. Mai 2017 [1]

 

Während der morgendlichen christlichen Sonntagsfeier am 30. 04. 2017 reflektierte Thomas Hennefeld, Superintendent der Evangelischen Kirche H.B., in seiner Predigt das Spannungsverhältnis von Gesetz und Evangelium. Es gibt Regeln aus gutem Grund, sie sind notwendig. In der christlichen Kirchen-Geschichte hätte es über viele Jahrhunderte hinweg die falsche Zuordnung von Gesetz = rächender Gott = Altes Testament und Evangelium = gnädiger Gott = Neues Testament gegeben (vgl. auch den Antijudaismus Martin Luthers). Doch immer wieder gab es auch Theologen, die sich dieser Sichtweise widersetzten. Einer von ihnen, Kurt Müller, hat 1944 in Stuttgart gepredigt, dass „das Heil von den Juden komme“ und das Licht Gottes hell genug für Juden und Christen sei. Die Tochter von Kurt Müller richtete während der Feier einige Worte über ihren Vater an die in Stockerau anwesende Gemeinde.

Am Abend hielt dann die evangelische Theologin Barbara Rauchwarter einen Vortrag über Luthers Antijudaismus. Sie hob u.a. den biographischen Aspekt hervor, dass Luther das befreiende Erlebnis der Rechtfertigungslehre in seinem eigenen Leben immer mehr verlor. Auch sei seine Enttäuschung darüber, dass seine Erkenntnis der Gnadengerechtigkeit die Juden nicht veranlasste, sich zum Christentum zu bekehren, in Zorn und Hass umgeschlagen.

Pfarrer Christian Brost und Kurator Gert Lauermann wiesen in ihren Ansprachen auf die im Anschluss eröffnete Ausstellung „Luther und die Juden“ hin.

Die Vorträge am 1. Mai 2017 Montag eröffnete Oberrabbiner Arie Folger. Gesetze und Pflichten werden als etwas Besonderes, als Geschenk, als etwas grundsätzlich Gutes gesehen. Gott benötigt nicht die Erfüllung von Geboten, sondern der Allmächtige habe diese den Menschen als Geschenk gegeben, um durch sie eine Richtschnur für ein rechtes und gelingendes Leben zu erhalten. Es sei leichter und besser, von verbindlichen Pflichten geleitet zu werden, als auf die (völlige) Freiwilligkeit (Beliebigkeit) zu setzen. Oberrabbiner Folger betonte auch, dass das Judentum keine missionarische Religion ist. Die Auserwählung Israels mache die Juden zu einem „Reich der Priester“, einer Art Modellbeispiel für die Welt (Oberrabbiner Folger, der auch einen ökonomischen Magistergrad besitzt, sprach hier explizit von „Marketingagentur“). Nicht sollen alle Menschen Juden werden, sondern sie sollen dem guten Beispiel der Juden folgen. Daraus erwachse dem Judentum die große Verantwortung, den Anforderungen dieses Modellbeispiels gerecht zu werden. Das jüdische Volk sieht sich als auserwähltes Volk mit einem bestimmten Auftrag, um eine Art Gesellschaft aufzubauen, damit bestimmte, von Gott erwünschte Werte in die Welt eindringen. Eine Gesellschaft, die quasi als Modell-Gesellschaft dienen kann, woraus Leute sich inspirieren lassen können. Der Plan, wie diese Gesellschaft aufzubauen ist, basiert auf der Torah als Verfassung. [2] Das Zentrum dieser Gesellschaft ist das Heilige Land und die jüdischen Gemeinden weltweit sind die Satelliten dieser Gesellschaft.

Oberrabbiner Folger, der auch an das christliche Schriftwort von keinem „Jota und Häkchen“ das aus der Torah entfernt werden dürfe erinnerte, betonte auch seine eigene, aktive Rolle im interreligiösen Dialog. Der interreligiöse Dialog hat sehr viel dazu beigetragen, dass Vorurteile abgebaut wurden. Heutzutage wird aber oft „Israel“ das klassische Feindbild, das einst „Jude“ hieß, aufgeladen. Es erlaubt manchen Leuten, die Juden und Jüdisches nicht mögen, sich jetzt hinter der Politik zu verstecken: Wir sind ja nur antizionistisch, nicht antisemitisch. Nicht, dass Israel nicht kritisiert werden darf, aber eine Menge Israel-Kritik ist keine faire Kritik, sondern ein verheimlichter Antisemitismus. Die Päpste Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus haben ganz im Geist von „Nostra Aetate“ gehandelt und den Dialog vielfach weiterentwickelt. Papst Benedikt XVI. hat eine zusätzliche theologische Wende gebracht, als er plötzlich positiv zu rabbinischen Schriften stand und rabbinische Schriften zitiert hat. Und Papst Franziskus spricht klar und deutlich vom neuen Antisemitismus und engagiert sich stark im interreligiösen Dialog.

Die evangelische Theologin Annette Schellenberg wies darauf hin, dass Gesetze die Ordnung aufrechterhalten, dass sie Schwächere vor Stärkeren schützen sollen, kurz: dass wir Gesetze brauchen. Gottes Gesetze seien also als Weisungen zu verstehen. Bei weitem sei es nicht so, dass das Alte Testament nur einen zornigen und das Neue nur einen gnädigen Gott kennen würde. So habe in den Gnadenformeln des Alten Testaments der gnädige Gott ein starkes Übergewicht gegenüber seinem Zorn. Dass beide Aspekte auftreten können, zeige einerseits die Vielschichtigkeit des Alten Testaments, andererseits müsse nicht jedes vermittelte Gottesbild dem persönlichen entsprechen. Gesetz sei mit einer frohen Botschaft gleichzusetzen, wenn man etwa an das Gebot des Schuldennachlasses alle 7 Jahre denke. So verstanden, sind Gesetz und Evangelium keine Gegensätze, sondern das Gesetz ist selbst Evangelium (wie insbesondere der evangelische Theologe Karl Barth betont hat).

In ihrem zweiten Vortrag zur Veranstaltung unter dem Titel „Jesus als Torahlehrer“ befasste sich die evangelische Theologin Barbara Rauchwarter dann mit der Exegese zweier zentraler Stellen aus den christlichen Evangelien und ihren Bezug zur Thora. Die katholische Professorin für Bibelwissenschaft Agnethe Siquans hielt einen Workshop zur antijudaistischen Wirkungsgeschichte der Polarisierung zwischen Gesetz und Evangelium.

Im Anschluss an die Vorträge sowie in den Workshops am Nachmittag war genug Raum für Diskussionen.

 

 

Arno Tausch

 

[1] Herzlicher Dank an Andreas Andel und Christian Brost von der Evangelischen Pfarrgemeinde Stockerau für die Zur-Verfügung-Stellung ihres eigenen Berichts, der von Arno Tausch ergänzt wurde

[2] Vgl. auch die Ausführungen von Oberrabbiner Folger in https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/54696.html

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