Unterwegs auf jüdischen Spuren

Die alljährlich vom Grazer Komitee veranstaltete Exkursion führte diesmal ins Südburgenland und nach Westungarn. Die erste Station der Studienfahrt am 16. Juni 2017 war die Stadt Güssing, den meisten bekannt durch ihre weithin sichtbare, hoch aufragende Burg, in der die Grafen Batthyány residierten. Diesen Burgherren unterstanden die Güssinger Jüdinnen und Juden ab Beginn des 18. Jahrhunderts. Auch schon in den beiden Jahrhunderten zuvor hatte sich eine jüdische Bevölkerung in diesem bis 1921 zu Westungarn gehörendem Gebiet angesiedelt. Die Blütezeit erlebte die jüdische Gemeinde Güssing  in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in der 40% der gesamten Bevölkerung jüdisch war. In kundiger Weise führte uns der Historiker Karl Heinz Gober durch die Stadt, in der heute nur wenige Gebäude an das ehemals reiche jüdische Leben erinnern. Dazu gehört das bis heute so bezeichnete Judenhaus, in dem zu Beginn des 19. Jahrhunderts 21 jüdische Familien lebten. Die von der Familie Batthyány im Jahr 1837/38 mitten im Ort errichtete Synagoge wurde zwar 1938, wie die meisten Synagogen im Deutschen Reich geplündert und in Brand gesteckt, jedoch kam das Feuer von selbst zum Erliegen, ehe das Gebäude zerstört war. Das bewahrte die jüdische Gemeinde aber nicht vor der Enteignung ihres Gotteshauses. 1953 ließ die Stadtgemeinde Güssing, in deren Eigentum das Gebäude übergegangen war, die Synagoge abreißen und errichtete an dieser Stelle das städtische Rathaus. Unser Rundgang führte uns weiter an die Stelle der ehemaligen Judenbrücke, auf der Jüdinnen und Juden einem Brauch zum Neujahrsfest Rosch ha-Schana nachkamen: Sie warfen Brotkrumen oder Zettel in den Fluss und beteten um die Vergebung ihrer Sünden. Vorbei an der Stelle, wo sich früher ein jüdisches Schulhaus und eine Mikwe (Ritualbad) befanden, führte unser Weg zum ehemaligen jüdischen Friedhof. An dieser Stelle sind zwar jüdische Grabsteine errichtet, jedoch befinden sich die ehemaligen Gräber an einem Ort in der Nähe, der sich nicht zweifelsfrei nachweisen lässt, weil er vermutlich zugeschüttet wurde.

Auf dem jüdischen Friedhof in Körmend, auf dem auch eine Zeremonienhalle erhalten ist, machte uns unser Reiseleiter, der burgenländische Theologe Toni Kalkbrenner, mit den Vorschriften und Bräuchen bekannt, die Jüdinnen und Juden ihren Toten erweisen. Im Judentum wird der Friedhof auch als Beth ha-Olam, Haus der Ewigkeit, bezeichnet, weil die Toten hier ihre dauerhafte Ruhestätte haben, die nach jüdischem Glauben nicht aufgehoben werden kann. Eine Besonderheit in Körmend ist die unmittelbare Nachbarschaft von jüdischem und christlichem Friedhof. Diese Nähe hat offensichtlich dazu geführt, dass auf den christlichen Grabsteinen auch jüdische Bildmotive der Trauer, wie z.B. die Trauerweide, aufgenommen wurden.

In Zalaegerszeg führten uns Vilmos Siklósi, der Präsident der kleinen jüdischen Gemeinde, und Evá Juhász, die uns die Ausführungen ins Deutsche übersetzte, durch die große Synagoge. Das eindrucksvolle und für die Stadt Zalaegerszeg zentrale Gebäude wurde vom Architekten Jósef Stern im historistischen Stil geplant. Das ständige Anwachsen der jüdischen Gemeinde im 19. Jahrhundert auf knapp 1000 jüdische BürgerInnen hatte den Bau einer größeren Synagoge, der 1904 abgeschlossen wurde, notwendig gemacht. Den Höchststand an jüdischen EinwohnerInnen erreichte Zalaegerszeg im Jahr 1930, als 1657 Jüdinnen und Juden in der Stadt lebten. Als deutsche Truppen im Jahr 1944 Ungarn besetzten und das ungarische Regime mit den Nationalsozialisten kollaborierte, wurde die jüdische Bevölkerung zwangsweise in neu errichtete Ghettos umgesiedelt. Von dort wurden Tausende ungarische Jüdinnen und Juden nach Auschwitz und in andere Vernichtungslager deportiert. Jährlich finden in Erinnerung an die Menschen, die in den Julitagen des Jahres 1944 deportiert wurden, Gedenkfeiern statt. Ein wichtiger Ort des Gedenkens in Zalaegerszeg ist heute die Synagoge, die die Stadtgemeinde seit 1983 der Öffentlichkeit als Konzert- und Ausstellungshalle zur Verfügung stellt. Veranstalter der jährlichen Holocaust-Gedenkfeiern sind die Stadtgemeinde und ein kleiner aber sehr aktiver jüdischer Kulturverein unter Leitung von Herrn Siklósi. Auf seine Initiative geht auch die Verlegung von Stolpersteinen in der Stadt zurück. Einen dieser Stolpersteine konnten wir noch im Anschluss an die Führung in einer nahen und belebten Einkaufsstraße besuchen. In der Synagoge selbst ist ein Raum eingerichtet, der an die jüdische Geschichte und an einzelne jüdische BürgerInnen der Stadt Zalaegerszeg erinnert.

Nach dieser eindrucksvollen Führung, die uns das Leben der jüdischen Gemeinde im Laufe von anderthalb Jahrhunderten in Zalaegerszeg vor Augen führte, kehrten wir mit interessanten und vielfältigen Eindrücken von unserer Tagesreise nach Graz zurück.

 

Mag.a Sabine Maurer

Vorsitzende des Grazer Komitees für christlich-jüdische Zusammenarbeit

 

Suche