Einige Gedanken zu unserem Selbstverständnis

Christen und Juden gemeinsam

wir ueber unsDer Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit wurde 1956 auf Veranlassung von Kardinal Franz König als Referat der katholischen Friedensbewegung “Pax Christi“ durch Prof. Kurt Schubert gegründet. 1965 konstituierte er sich als Verein in interkonfessioneller Trägerschaft.
Christlich-jüdische Verständigung ist gerade in Österreich eine besonders drängende und herausfordernde Aufgabe. Die Geschichte der jüdischen Gemeinden in unserem Land ist einerseits von einer hervorragenden Blüte der Kultur und des Geistes gekennzeichnet, andererseits auch von immer wiederkehrender Verfolgung und Vernichtung durch die mehrheitlich christliche Umwelt. Vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert tragen Christen Verantwortung für diese Gewalttaten an jüdischen Mitbürgerinnen und Mitbürgern. Als Wien das Versuchsfeld der nationalsozialistischen Judenvernichtung wurde, war bereits zwei Mal zuvor in der Geschichte die hiesige jüdische Gemeinde Wien gänzlich ausgelöscht worden. Der Antisemitismus konnte bequem auf jene Ablehnung und Vorurteile aufbauen, die jahrhundertelang von den Kirchen geschürt worden waren. Weder traten die Täter vor ihren Verbrechen aus den Kirchen aus, noch wurden sie im Nachhinein dafür mit Exkommunikation belegt.


Es ist für uns eine beschämende Erkenntnis, dass es erst der Schoa bedurfte, um einen tiefgreifenden christlich-jüdischen Verständigungsprozess in Gang zu bringen. Seit 1945 gibt es Richtung weisende Dokumente und Stellungnahmen aller Kirchen, in denen Antisemitismus klar verurteilt wird und die sich um ein erneuertes Verständnis des Judentums bemühen. Die Initiativen und Aktivitäten des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit erfüllen bei diesem Prozess eine wichtige Funktion: Wir sehen unsere besondere Aufgabe darin, die Kirchen auf ihrem Weg der Erneuerung ihres Selbstverständnisses mit Blick auf ihre jüdische Wurzel zu unterstützen und zu begleiten. Im Bewusstsein der Last der Geschichte setzen wir konkrete Impulse für die Bildungsarbeit in Pfarrgemeinden und kirchlichen Strukturen. Es muss sichtbar werden, dass die Erneuerung des christlich-jüdischen Verhältnisses wirklich zu den “Grundpflichten der Christen, gerade in Europa“ gehört, wie es Papst Johannes Paul II. bei seiner Rede in der Wiener Hofburg am 20. Juli 1998 formulierte.

 

Antisemitismus und Vorurteile abbauen


Unsere Tätigkeit gründet in der Grundüberzeugung, dass Jahrhunderte lang festgehaltene Vorurteile und Feindbilder nur durch einen langfristigen, nachdrücklichen und aufrichtigen Bildungsprozess abgebaut werden können. Dies muss unter Berücksichtigung des jeweiligen gesellschaftlichen Ortes der an diesem Vorgang Beteiligten oder von ihm Betroffenen geschehen. Religiöse Traditionen neigen zu besonderer Festigkeit und setzen Veränderungen oft hartnäckigen Widerstand entgegen. Im Problem der Judenfeindschaft zeigt sich außerdem, dass sie etwa im christlich-kirchlichen Bereich – ohne Einschränkung auf eine Konfession – in viele Sachbereiche eingedrungen ist und dort bis in den alltäglichen Sprachgebrauch weitergetragen wird.


Darüber hinaus hat gerade die so viel beschworene abendländische Überlieferung im Prozess der Säkularisierung Elemente von Judenfeindschaft, die ursprünglich in den Kirchen entwickelt wurden, in ihren Bereich übertragen. Bildungsarbeit, die zu einer offenen, demokratischen Partnerschaft sowohl von Christinnen und Christen aller Konfessionen wie auch der weltanschaulich nicht in dieser Weise Gebundenen mit Menschen aus dem Judentum beiträgt, ist daher ein Stück notwendiger gesellschaftlicher und politischer Bewusstseinsbildung. Wir versuchen, konkrete Modelle der Auseinandersetzung mit konfliktträchtigen Traditionen zu entwickeln und anzubieten. Dabei gilt unsere Solidarität und Unterstützung der konkreten jüdischen Gemeinde in unserem Land.


Wissen allein über “andere“ reicht für einen Veränderungsprozess jedoch nicht aus, sondern gerade in diesem Feld muss dialogisch in einer unmittelbaren Begegnung der beteiligten Personen gearbeitet werden. Mediale Instrumentarien sind hilfreich und werden vom Zentrum unserer Einrichtung auch angeboten und häufig genutzt. Ein Kern unserer Arbeit besteht daher im Zusammenbringen von Menschen und in der Sicherstellung einer wirksamen Gesprächs- und Streitkultur.

 

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