Hannelore Reiner

Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird.

Dtn 6, 20-25
20 Wenn dich nun dein Sohn morgen fragen wird: Was sind das für Vermahnungen, Gebote und Rechte, die euch der HERR, unser Gott, geboten hat?,
21 so sollst du deinem Sohn sagen: Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten, und der HERR führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand;
22 und der HERR tat große und furchtbare Zeichen und Wunder an Ägypten und am Pharao und an seinem ganzen Hause vor unsern Augen
23 und führte uns von dort weg, um uns hineinzubringen und uns das Land zu geben, wie er unsern Vätern geschworen hatte.
24 Und der HERR hat uns geboten, nach all diesen Rechten zu tun, dass wir den HERRN, unsern Gott, fürchten, auf dass es uns wohlgehe unser Leben lang, so wie es heute ist.
25 Und das wird unsere Gerechtigkeit sein, dass wir alle diese Gebote tun und halten vor dem HERRN, unserm Gott, wie er uns geboten hat.


Liebe ökumenische Gemeinde!

„Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird.“ Richard von Weizsäcker, der frühere deutsche Bundespräsident, hat mit dieser Beschreibung, was unter Erinnern zu verstehen sei, meines Erachtens den Kern der Sache genau getroffen. Ehrlich und rein Gedenken kann allerdings sehr unterschiedlich aussehen.
Die Überwindung, ja das Zusammenfallen der Berliner Mauer, exakt heute vor 20 Jahren, das lässt sich feiern. Daran denken wohl viele heute gerne zurück. Eine österreichische Journalistin erinnert sich an die „längste Nacht“, wie die Berliner sie nennen: „Die Stadt war im Ausnahmezustand. 100.000e, ja vielleicht Millionen Menschen waren auf den Straßen unterwegs. Wir wollten alle erleben, wie die Mauer buchstäblich zerbröselte. Alle waren von der tollen Stimmung angesteckt. Noch Wochen und Monate danach waren wir mit Besuchern unterwegs und haben uns angesehen, wie die Mauer abgebaut wurde.“

Wie ganz anders ist da die Erinnerung an die Novembertage des Jahres 1938, als die kleine Ruth Klüger an der Hand ihres Vaters durch die Mariahilferstraße ging. Sie schreibt: „Mein Vater hat mir die zerbrochenen Fenster der Geschäfte gezeigt, fast schweigend, nur immer mit kurzen Hinweisen: „Da kann man jetzt nicht mehr einkaufen. Das ist geschlossen, du siehst ja. Warum? Die Leut, denen das gehört, sind Juden wie wir. Darum.“ Ich, voller Schreck und Neugier, hätte gern weitere Fragen gestellt, und gleichzeitig spürte ich, dass er vielleicht selbst nicht weiter wusste, und prägte mir das Gesagte ein.“

Sich an Ereignisse und Geschehnisse, vielleicht sogar an eigene Entscheidungen und eigenes Handeln zu erinnern und dabei Trauer und Scham zu spüren, das ist nicht leicht. An dunkle Kapitel des eigenen Lebens, aber auch der Geschichte unseres Volkes will keiner gern erinnert werden. Auch die Kirchen haben sich damit schwer getan. Erst im Oktober 1988 haben zwei deutsche und die österreichische röm.-kath. Bischofskonferenz ein Wort des Gedenkens an das, was im November 1938 den Juden in Deutschland und Österreich angetan wurde, veröffentlicht. Sie taten es unter der Überschrift „Die Last der Geschichte annehmen“. Zehn Jahre später erst haben die evangelischen Kirchen Österreichs in der Denkschrift „Zeit zur Umkehr“ mit Scham und Trauer an den Anteil und die Mitschuld am unsäglichen Leid jüdischer Mitmenschen gedacht.

Ehrliches und reines Gedenken heißt immer zunächst, sich auch der dunklen Geschichte zu stellen. Je größer der zeitliche Abstand ist, desto schwieriger mag es sein. Immer weniger können auf eigenes Erinnern zurückgreifen. Das beschriebene Unrecht und die Bilder des Grauens, das Missachten der Menschenwürde, Hohn und Spott mancher ZuschauerInnen – für meine und die nachkommenden Generationen war dies alles zunächst fast unvorstellbar. Ein Blick jedoch in so manche heutige Besatzungszonen und Militärregimes zeigt, dass sich nichts verändert hat. Die Novembertage des Jahres 1938 und das, was diesen folgte, sind aus der Geschichte unseres Landes und unseres Volkes, in die wir hineingeboren wurden, nicht wegzulöschen mit der Entfernen-Taste. Sie gehören zu unserem kollektiven Gedächtnis.
Sie, liebe Schwestern und Brüder, wären heute nicht hier, wenn Sie nicht bereit wären, ehrlich und rein auch an den 9. November 1938 zu denken und daran, dass am 1. September vor 70 Jahren der 2. Weltkrieg nicht einfach ausgebrochen ist sondern durch das nationalsozialistische Regime in „Großdeutschland“ gegen Polen erklärt wurde. Dabei geht es nicht bloß um ein historisches An-Denken, entscheidend ist die Vergegenwärtigung des vergangenen Geschehens, sodass die Geschichte für unsere Gegenwart und vielleicht auch Zukunft relevant wird und in Beziehung zu uns tritt.
Die erste angemessene Art, sich einer derart belasteten Geschichte zu stellen, ist Schweigen. Und dies geschieht auch in diesem Gedenkgottesdienst und im nachfolgenden Schweigemarsch.
Aber wie ist es möglich, darüber hinaus ehrlich und rein zu gedenken, ohne unter der Last der Geschichte zusammen zu brechen?
Ich denke, hier hilft uns die Bibel, besonders das Erste Testament und damit auch die Art und Weise, wie das biblische Israel mit seiner Geschichte umgegangen ist. Israel hat seine eigene Geschichte stets auch als die Geschichte Gottes mit uns Menschen verstanden. Die Erinnerung wurde Teil der Glaubensgeschichte Israels und damit auch Teil seiner Kultur. Wir haben allen Grund, die Kultur des Erinnerns von Israel zu lernen. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist wohl die „Urgeschichte Israels“, die Befreiung aus dem Sklavenhaus. Jedem Gebot, dessen Einhaltung gefordert wird, geht diese Befreiungsgeschichte voraus. „Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.“ Beides ist in dieser Ur-Geschichte enthalten: Die Erinnerung an die Unterdrückung, an den tyrannischen Machthaber, an viel Blut und Tränen. Aber durch Gottes Gnade ist daraus eine Befreiungsgeschichte geworden, die allen künftigen Geschehnissen den Weg in die Freiheit bereits vorzeichnet.
An der Last der Geschichte nicht zu zerbrechen und auch nicht ein Erinnern gegen jemanden anzuzetteln, denn das würde die Feindspirale nur weitertreiben, wie so oft leidvoll zu beobachten ist, sich so zu erinnern, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird, das können wir aus der Bibel lernen.

Und noch eines: Nirgends in der Bibel steht: Das war einmal, das ist abgeschlossen, darum habt ihr euch nicht mehr zu kümmern… Genau das Gegenteil ist der Fall. Immer wieder wird das Gedenken, das Erinnern, das Vergegenwärtigen eingemahnt, bis hin zu den Einsetzungsworten des Hl. Abendmahls: Tut dies zu meinem Gedächtnis.
Und es geht über das eigenen Erinnern noch hinaus: Du sollst es deinen Kindern einprägen, sie sollen wissen, woher sie kommen, was geschehen ist an Glück und Leid, an Schuld und Verbrechen. Erzähle es deinen Kindern und den Kindern deiner Kinder. Und wenn dein Sohn dich morgen fragen wird, dann weiche ihm nicht aus. Sage deiner Tochter, was geschrieben steht, wo die Steine heute noch schreien. Wir schulden unseren Kindern die Kultur des Erinnerns. Das ist auch eine uralte Form des Generationenvertrags.

Ich habe von Begegnungen zwischen österreichischen Schülern und Schülerinnen mit Frauen und Männern erfahren, die hier und anderswo die Nazizeit erlitten haben. Ich zolle meinen tiefen Respekt jenen, die über diese Zeit nicht schweigen, sondern erzählen, ihre eigene Geschichte, wie Ruth Klüger, und ich bin voller Zuversicht, dass dies auch ein Stück Heilung für die Seele bringen kann. Ich freue mich andererseits über das Verlangen unserer Kinder, von all dem zu hören. Ich freue mich darüber, dass sie die Begegnung nicht scheuen und bin jenen dankbar, die diese vermitteln. So hat auch das biblische Israel seine Erfahrungen weiter gegeben, im Fragen und Antworten, im Teilen und Mitteilen des Erlittenen und Gott sei Dank auch im Erzählen von Befreiungsgeschichten. Das deutet eine Kette an, eine Staffel, die weitergegeben wird, damit auch tiefste Wunden zu heilen beginnen und die Erinnerung lebendig bleibt als eine Schule für die Gegenwart und für die Zukunft.

Möge Gott es schenken, dass der heutige Abend mit seiner zwiespältigen Erinnerung an die Befreiungsnacht in Berlin vor 20 Jahren einerseits und zugleich an die Nacht des Schreckens in Wien und vielen anderen Orten im November 1938 ein Stück Weitergabe lebendiger Erinnerung sei, ehrlich und rein unter der Hoffnung auf Gottes Gnade und Erbarmen und seiner Befreiungsgeschichte mit uns allen.
Amen.

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