Jäggle, Martin

Ein weiter Weg

Worte beim Gedenkottesdienst Mechaje Hametim
Wien, St. Ruprecht, 9. November 2010
 
Ich bin ein Kind dieser Stadt, ich bin ein Kind dieses Stadtteils. Hier gleich ums Eck am Rabensteig bin ich geboren und es war ein weiter Weg vom Rabensteig meiner Kindheit zur heutigen Feier hier in der Kirche St. Ruprecht. Im Lichte der Synagoge, ja tatsächlich im Lichte der Synagoge, des Stadttempels, bin ich aufgewachsen. Vom Küchentisch unserer Wohnung aus konnten war an der erleuchteten Ampel der Kuppel erkennen, wann jeweils gebetet und gefeiert worden ist. Doch eine Wolke des Schweigens umgab Judesein in der Gegenwart und erst Recht die Unrechtsgeschichte, deren Tiefpunkt damals ja noch nur wenige Jahre zurück lag.
Ich kenne die Kirche von St. Ruprecht hier von klein auf und habe noch vor Augen, wie sie angefüllt war mit allzu üppigem, vertrauten und für unverzichtbar gehaltenen Inventar. Das alles ist fortgeschafft, die Mauern sind freigelegt, der Blick auf das Wesentliche ist möglich geworden. So ist mir gerade diese Kirche zum Sinnbild der Erneuerung der Kirche und Kirchen geworden.
 
Es ist ein unglaublicher und nicht für möglich gehaltener Reinigungsvorgang. Zu diesem gehört die Reinigung des Gedächtnisses, woran unsere Feier heute Anteil hat. Dazu gehört die Entfernung von Antijudaismus und Antisemitismus aus dem Raum der Kirche. Das Christentum gewinnt sein Eigenes nicht dadurch, dass es das Judentum als Gegenfolie benutzt, oder gar ihm seine religiöse Legitimität abspricht, indem es behauptet, an seine Stelle getreten zu sein, sondern es gewinnt sein Eigenes dadurch, dass es sich der Bedeutung seiner jüdischen Quellen bewusst wird. Nach den Worten Papst Johannes Paul II. entdeckt die Kirche Christi ihre ‚Bindung’ zum Judentum, „indem sie sich auf ihr eigenes Geheimnis besinnt. Die jüdische Religion ist für uns nicht etwas ‚Äußerliches’, sondern gehört in gewisser Weise zum ‚Inneren’ unserer Religion. Ihr seid unsere bevorzugten Brüder, und, so könnte man gewissermaßen sagen, unsere älteren Brüder.“

Die Lesung aus Jeremia ist dem so genannten Trostbuch entnommen. Ich kannte es wie viele meiner Zeitgenossen von Jugend an. Es waren, ja sind existenziell hilfreiche Worte. Doch die eigentlichen Adressaten und die Bedeutung dieser Worte für sie war kein Thema. Nach der Katastrophe der Zerstörung Jerusalems und der Vertreibung kam, unverhofft, wenn auch nicht ganz unvorbereitet, das Wiedererstehen im Land der Väter und Mütter - überraschenderweise in genau dem Sinn, den auch Prophet gekündet hat: Dort können alle wieder leben, die Toten wie die Lebenden. Sie sind zu einander gehörig im Gedenken vor Gott. Die Zerstörung ist nicht gelungen, der Untergang nicht völlig vollzogen - weil Israel von Gott geheiligt bleibt. Der Bund ist nicht gekündigt, Israel nicht verloren. Mit den bekannten Worten unserer Zeit: „Uns ist nicht gekündigt worden.“ Nicht nur Papst Johannes Pauls II. spricht vom Gottesvolk des von Gott nie gekündigten Bundes. Der Apostel Paulus hält im Römerbrief fest: „Von ihrer Erwählung her gesehen sind sie von Gott geliebt, und das um der Väter willen. Denn unwiderruflich sind Gnade und Berufung, die Gott gewährt." (Röm 11,28f) Daran knüpft das II. Vatikanische Konzil an: „Die Juden sind nach dem Zeugnis der Apostel immer noch von Gott geliebt, um der Väter willen, sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich.“
Das Land Israel hat dem Judentum wieder neue Kraft geschenkt, ob man nun dort wohnt oder nicht. Die Wandlung der Toten ist Werk der Heiligung durch Gott - und wird zum zentralen Motiv der Heiligung durch Israel heute. Das ist Anspruch und keineswegs überall sichtbare Wirklichkeit. Aber gleichsam im Sog dieser Heiligung (Gottes und Israels) wird wahr bleiben, was der Prophet nach der Wiederkehr verspricht: "Sie werden niemals wieder zerstört und eingerissen." (Jer 31,40).

Georg Fischer, bibelwissenschaftlicher Experte für das Trostbuch, meint: „Jeremia verlangt nach Anwendung bei denen, die ihn hören oder lesen. Wer seine Botschaft vernimmt, sollte sie umsetzen in seinem Leben.“ Es geht darum, in Situationen der Ungerechtigkeit „für Gott zu sprechen“. Dazu gehört auch das Andauern von Antisemitismus und Antijudaismus innerhalb der Kirche. Der notwendige Reinigungsprozess wird noch viele Generationen dauern. Als Beispiel und nicht als Einzelfall sei genannt, wenn in unseren Tagen ein Prediger - in den Glauben der Kirche einführend – sich veranlasst sieht zu sagen: „Das Alte Testament ist ein Dienst des Buchstabens, der auf steinernen Tafeln geschrieben war, das Neue Testament ist ein Dienst des Geistes, der ins Herz des Menschen geschrieben ist. Anders gesagt: Zwar hatte auch schon das Alte Testament das buchstäbliche Liebesgebot, aber gewissermaßen nur als eine Verheißung.“ Und weiter: „Das AT ist vergangen wie der Glanz auf Moses’ Angesicht.“ Wenn er dann der Frage nachgeht „Wieso ist der Dienst des NT ein Dienst der Freiheit, während das AT als Sklaverei unter dem Gesetz zu bezeichnen ist, das nicht von der Sünde befreit?“, ist die Aufforderung naheliegend: „Werdet nicht wieder Sklaven des jüdischen Gesetzes.“ Dahinter steht - wörtlich formuliert: „Durch Paulus wird offenbar: Das Judentum und sein Hängen am Gesetz versklavt den Menschen, es befreit ihn nicht.“ Da fehlt auch die Feststellung nicht: „Das Alte Testament ist in dieser Hinsicht ein zahnloses, geschriebenes Gesetz, nicht mehr und nicht weniger. Dasselbe gilt von jedem anderen geschriebenen Gesetz und jeder Religion, die nur auf dem Buchstaben beruht: Sie haben nicht die Kraft, die Menschen von innen heraus gut zu machen, sie zu befähigen, das Gesetz zu erfüllen.“

Angesichts dieser öffentlichen Worte im Jahre 2010 gilt es, sich der Worte Franz Werfels aus Jahre 1934 zu erinnern:

„Doch habe Trost! Nur jene, die dich hassen,
Beschwören, daß dein Heil vergeudet sei,
Daß du gekündigt und in Schmach entlassen,
Als grauser Fortwurf wesest, vogelfrei.
Geschöpfen nicht, auch nicht den Engeln oben
Ward kundgetan in ihrem Strahlenchor,
Wozu du dreifach sein wirst aufgehoben,
Wenn der Atome letztes sich verlor,
Wenn die Posaune durch die Tiefen schauert,
Und du dein Überstehn hast überdauert.“ (Franz Werfel, 1934)

Es war ein weiter Weg vom Rabensteig meiner Kindheit ums Eck zum Gottesdienst heute in dieser Kirche und es ist noch ein weiter Weg vor uns. Gehen wir ihn mit der Hilfe Gottes, den Christen und Juden als den einen und einzigen bekennen.

Univ.Prof. Dr. Martin Jäggle ist Ordinarius für Religionspädagogik und Katechetik und Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien sowie Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit.

 

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