9. November: ein Gedenktag für Christinnen und Christen

Am 9.tempel November sollen Christinnen, Christen und die Kirchen die Verfolgung und Vernichtung von Jüdinnen und Juden in unserem Land in Erinnerung rufen und der Opfer gedenken. An Orten, an denen es eine Synagoge gegeben hat, einen jüdischen Gebetsraum oder wo bis heute ein jüdischer Friedhof von früherem jüdischen Leben zeugt, kann eine ökumenische Gedenkstunde ein Zeichen setzen: eine Zeit des Schweigens, der historischen Erinnerung, Lesung, Psalmengebet, eine Mahnwache …
 
Der Gedenktag am 9. November ist ein Anlass, aus dem christlichen Glauben heraus über die geschichtliche Verantwortung und Verbundenheit der Kirchen und der Christinnen und Christen mit dem Judentum nachzudenken. Am 9. November 1938 brannten im gesamten damaligen Deutschen Reich die Synagogen. Das war der erste Höhepunkt der Vernichtung eines vielfältigen und blühenden jüdischen Lebens in Mitteleuropa. Einzelne Christinnen und Christen waren damals wohl erschrocken über die Gewalt, die das Nazi-Regime selbst und mithilfe der mobilisierten Massen ausgeübt hat. Doch galt das Mitgefühl wahrscheinlich vor allem dem grundlos verfolgten Nachbarn oder Kollegen, nicht dem Judentum, dem jüdischen Glauben selbst.

Wie konnte es dazu kommen?

Über Jahrhunderte hinweg haben die Kirchen in der Verkündigung und Theologie das Judentum abgewertet und verachtet. Das hat dazu geführt, dass die Vernichtung des Judentums und seiner Gläubigen unter Christinnen und Christen nicht zu Aufschrei und umfassendem Protest geführt haben. Kardinal König blickte 1988 zurück auf den Anteil der Kirche an diesem mörderischen Antisemitismus.
Als Mann der Kirche muss ich nochmals sagen – es haben es andere vor mir schon gesagt –, dass wir als Christen uns der Schuld bewusst sind, einem christlich-religiös verbrämten ebenso wie einem nationalen Antisemitismus nicht entsprechend entgegengetreten zu sein. Religiöse Oberflächlichkeit, ungerechte Verallgemeinerung von Vorgängen in der Passionsgeschichte der Bibel, irregeleitetes nationalistisches Denken wurden zu einer schwärenden Wunde am Leib der Kirche, haben viel Unheil über unschuldige Menschen gebracht.
In der Erklärung der Generalsynode der Evangelischen Kirchen in Österreich Zeit zur Umkehr vom November 1998 heißt es dazu:
Mit Scham stellen wir fest, dass sich unsere Kirchen für das Schicksal der Juden und ungezählter anderer Verfolgter unempfindlich zeigten. Dies ist umso unverständlicher, als evangelische Christen in ihrer eigenen Geschichte, zumal in der Gegenreformation, selbst diskriminiert und verfolgt worden waren. Die Kirchen haben gegen sichtbares Unrecht nicht protestiert, sie haben geschwiegen und weggeschaut, sie sind ´dem Rad nicht in die Speichen gefallen´ (Bonhoeffer).

Ein Neuanfang nach Auschwitz und Mauthausen

Bei der Zweiten Europäischen Ökumenischen Versammlung 1997 in Graz haben die Kirchen im Abschlussdokument ihrer Freude Ausdruck verliehen, dass jüdisches Leben in Europa wieder wächst und zunimmt. Diese gänzlich neue Haltung der Kirchen entstand leider erst, nachdem Auschwitz und Mauthausen geschehen sind. Sie fand ihren bleibenden Eckstein in der Konzilserklärung Nostra Aetate der römisch-katholischen Kirche und in vielen Grundsatztexten anderer Kirchen. In der Charta Oecumenica von 2001 verpflichten sich die christlichen Kirchen in Europa,
allen Formen von Antisemitismus und Antijudaismus in Kirche und Gesellschaft entgegenzutreten sowie  auf allen Ebenen den Dialog mit unseren jüdischen Geschwistern zu suchen und zu intensivieren.

Der 9. November als Gedenktag der Ereignisse von 1938, ist eine Gelegenheit, sich das Versagen der Kirche und ihrer Christinnen und Christen in Erinnerung zu rufen und heute unsere Wertschätzung des Judentums zu bekräftigen.

Was bedeutet „gedenken“?

Noch einmal Kardinal König. Er sagte 1988, wie dies zu verstehen ist:
Dabei soll es um ein Gedenken gehen, nicht um die so genannte Bewältigung der Vergangenheit. Die Vergangenheit, so meine ich, lässt sich nicht bewältigen. Das Geschehene lässt sich nicht ungeschehen machen. Wir können die Vergangenheit nur bedenken und zutiefst betrauern. Wir können und wollen durch die leidvolle Auseinandersetzung mit der Vergangenheit den Blick auf die Gegenwart und die Zukunft richten. Dies in der Absicht, unser Denken, Sprechen und Handeln so einzurichten, dass nie wieder die Nacht des Hasses, der Unmenschlichkeit und der Diktatur über unser Land hereinbrechen kann.

Gedenken konkret

Der Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit regt an, in Gottesdiensten am und um den 9. November an das Novemberpogrom zu erinnern.

Die deutschsprachigen katholischen Bischöfe erinnern 1988 in ihrer gemeinsamen Erklärung Die Last der Geschichte annehmen:

Zur Liebespflicht der Christen gegenüber den Juden gehören auch das immerwährende Gebet für die Millionen im Laufe der Geschichte ermordeten Juden und die ständige Bitte an Gott um Vergebung des vielfachen Versagens und der zahlreichen Versäumnisse, deren sich Christen in ihrem Verhalten den Juden gegenüber schuldig gemacht haben. In Deutschland [und wohl auch in Österreich, Anm.] haben wir besonderen Anlass, Gott und unsere jüdischen Brüder um Verzeihung zu bitten.

Das kann an jedem Ort, in jeder Pfarre oder Gottesdienstgemeinde  geschehen. Denn wo immer Christinnen und Christen glauben, stehen sie in geistlicher Verbundenheit mit dem Judentum.

Neben dem Gedenken im konfessionellen Gottesdienst sind an Orten, an denen es eine Synagoge gegeben hat, einen jüdischen Gebetsraum oder wo bis heute ein jüdischer Friedhof von früherem jüdischen Leben zeugt, die christlichen Gemeinden eingeladen, am Nachmittag oder Abend des 9. November eine ökumenische Gedenkstunde zu halten: Eine Zeit des Schweigens, der historischen Erinnerung, Lesung, Psalmengebet, eine Mahnwache …

 
 
 

 

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