Lasst uns nicht aufhören hinzusehen!

Psalm 51, 3-11
Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte, und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit.
Wasche mich rein von meiner Missetat, und reinige mich von meiner Sünde;
denn ich erkenne meine Missetat, und meine Sünde ist immer vor mir.
An dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan,
auf dass du Recht behaltest in deinen Worten und rein dastehst, wenn du richtest.
Siehe, ich bin als Sünder geboren, und meine Mutter hat mich in Sünden empfangen.
Siehe, dir gefällt Wahrheit, die im Verborgenen liegt, und im Geheimen tust du mir Weisheit kund.
Entsündige mich mit Ysop, dass ich rein werde; wasche mich, dass ich schneeweiß werde.
Lass mich hören Freude und Wonne, dass die Gebeine fröhlich werden, die du zerschlagen hast.
Verbirg dein Antlitz vor meinen Sünden, und tilge alle meine Missetat.

Liebe Schwestern und Brüder,

im Licht der Worte der Heiligen Schrift sehen wir.
Wir sehen zuerst die entfesselte Gewalt, die am 9. November vor 75 Jahren geplant und gesteuert losgebrochen ist, wir sehen das unsägliche Leid, das damit über Jüdinnen und Juden angetan wurde, wir sehen, mit welcher teuflischen Konsequenz die Ereignisse der Pogromnacht auf die Vernichtung, auf die Shoa hinauslaufen. Mit den Novemberpogromen des Jahres 1938 geschah nicht bloß ein weiterer, sondern ein erschreckend großer Schritt hin zur systematischen Ermordung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden. Was der 9. November für sie damals, vor 75 Jahren, bedeutete, haben wir gehört. Lasst uns nicht aufhören, hinzusehen!

Wir sehen, dass von den Tätern, die sich ihrer Verbrechen noch stolz gerühmt haben, niemand je zur Verantwortung gezogen wurde. Wir sehen, dass heute in Salzburg die Stolpersteine – zum wiederholten Male - beschmiert werden, wir sehen, dass es Neonazismus in unserem Land gibt, unter jungen Menschen, wir sehen, dass Politiker in hohen Funktionen der Republik an der Relativierung des Verbotsgesetzes schrammen, weil es sich „ein bisschen mit der Meinungsfreiheit spießt". Hans Magnus Enzensberger schreibt: „Es soll welche geben, die es nicht mehr hören können. Der eine oder der andre bestreitet es einfach. Die meisten glauben, es sei vorbei. Nur selten sagt eine schwache Stimme einem ins Ohr, daß es kein Ende nimmt." Lasst uns nicht aufhören, wachsam hinzusehen!

Wir sehen auch – mit Scham, wie es die Evangelischen Kirchen vor 25 Jahren formulierten – das Versagen der Kirchen, ihre Blindheit und ihre Schuld. Nicht nur einzelne Christinnen und Christen, sondern auch unsere Kirchen sind an der Shoa mitschuldig geworden. Schon lange vor der physischen Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden hatten sie – wie es Martin Stöhr einmal formulierte – theologisch Israel und das Judentum schon für tot erklärt. In den Jahren 1940 bis 1943 sitzt Dietrich Bonhoeffer an seiner „Ethik". Sie sollte sein Lebenswerk werden und ist doch nur Fragment geblieben. Dort heißt es: „Die Kirche bekennt ... ihre Furchtsamkeit, ihr Abweichen, ihre gefährlichen Zugeständnisse. Sie hat ihr Wächteramt und ihr Trostamt oftmals verleugnet. Sie hat dadurch den Ausgestoßenen und Verachteten die schuldige Barmherzigkeit oftmals verweigert. Sie war stumm, wo sie hätte schreien müssen, weil das Blut der Unschuldigen zum Himmel schrie. Sie hat das rechte Wort in rechter Weise zur rechten Zeit nicht gefunden ... Sie ist schuldig geworden am Leben der schwächsten und wehrlosesten Brüder ... Die Kirche bekennt sich schuldig aller zehn Gebote, sie bekennt darin ihren Abfall von Christus ... Wer das Schuldbekenntnis der Kirche erstickt oder verdirbt, der wird in hoffnungsloser Weise schuldig an Christus." (Dietrich Bonhoeffer, Ethik, 120ff) Lasst uns nicht aufhören, hinzusehen! Ich erkenne meine Missetat und meine Sünde ist immer vor mir.

Wir sehen, dass Dietrich Bonhoeffer am 9. November1938 in seiner Bibel in Psalm 74 zwei Sätze unterstrichen hat. Einmal den Vers 7, wo es heißt: „Sie verbrennen dein Heiligtum". Auch in Köslin im hintersten Pommern, wo sich Bonhoeffer damals aufhielt, brannte die Synagoge. Später, in einem Rundbrief an die jungen angehenden Pfarrer, für die er damals im Untergrund zuständig war, zitiert er aus dem Propheten Sacharja (Sach. 2,12): „Wer euch antastet, der tastet seinen Augapfel an", gemeint ist: Wer Jüdinnen und Juden antastet, tastet den Augapfel Gottes an. Wahrscheinlich hat er auch in dieser Zeit jenen Satz gesagt, der sich bis heute eingeprägt hat: „Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen". Der zweite Vers, den er im 74. Psalm anstreicht und mit einem Rufzeichen am Rand versieht, ist Vers 9: „Unsere Zeichen sehen wir nicht, und kein Prophet predigt mehr, und keiner ist bei uns, der weiß wie lange." Die Kirche – katholisch wie evangelisch - hätte als Ganze das prophetische Amt wahrzunehmen gehabt. Damals. Und heute? Lasst uns nicht aufhören, hinzusehen!

Wir sehen im 51. Psalm, wie ein Mensch, ein König noch dazu, mit seinem Schuldigwerden konfrontiert wird und um Umkehr ringt und nach Vergebung fragt. David hatte sich Bathseba geholt und dafür deren Mann Uria auf heimtückische Weise in den Tod geschickt. Der Prophet Nathan konfrontiert den König mit dem Unrecht dieser Tat und der Schuld, die er damit auf sich geladen hat (2. Sam. 11-12). David erkennt seine Verfehlung und bittet Gott um Vergebung. Wie ein Drehbuch für eine öffentliche Buße beschreibt der Psalm den Weg. „Ich erkenne meine Missetat und meine Sünde ist immer vor mir." Für die Schuld des Betenden werden verschiedene Begriffe gebraucht, wie so oft ist das Hebräische reicher als die spätere Übersetzung. Da ist die Rede von der Empörung, dem Frevel, da ist die Rede von der Verkehrtheit und von der Verfehlung. Martin Buber übersetzt mit „Abtrünnigkeit, Fehl und Sünde", die Bibel in gerechter Sprache mit „Verbrechen, Schuld und Sünde". Auch wenn damit ursprünglich unterschiedliche Handlungen gemeint waren, werden sie vor Gott synonym gebraucht und insgesamt als „Sünde" bezeichnet. Das ist auch folgerichtig, denn die verschiedenen Handlungen meinen gemeinsam die Zerstörung und Bedrohung der Gemeinschaft. Wer die Gemeinschaft unter den Menschen zerstört, mit rassistischer Abwertung, mit gesellschaftlicher Ausgrenzung, mit Beraubung, Verfolgung bis zur Vernichtung, versündigt sich vor Gott. Und wer sich so gegen Gott versündigt lädt nicht nur Schuld auf sich durch das Leid, das er anderen antut, er und sie verfehlt sich selbst und lebt in Verkehrung.

Wir sehen schließlich uns selbst. Zumeist wohl Nachfahren der Wegschauenden, womöglich auch der Täter, selten derer, die mutige Zeichen gesetzt haben, wie der evangelische Pfarrer von Villach, Johannes Heinzelmann, der am 10. November 1938 die jüdischen Familien besucht hat und in seiner Predigt am folgenden Sonntag meinte, er schäme sich zum ersten Mal, ein Deutscher zu sein. Wir sehen die Mut machenden Ausnahmen. Und sehen uns auf dem Weg der Umkehr. Auf diesem Weg aus Blindheit und Schuld reinigt die Kirche ihre Liturgie und ihre Lehre von den judenfeindlichen Erblasten und lebt ihren Glauben in stetiger Erinnerung an Gottes ungebrochene Treue zu seinem erwählten Volk. Die Kirche auf dem Weg der Umkehr ist dankbar dafür, dass unter uns und mit uns die jüdische Gemeinde lebt. Sie setzt sich für lebendige Beziehungen zu ihr, steht ihr bei und tritt für sie ein, wenn sie neuerlichen Anfeindungen und Antisemitismus ausgesetzt ist, wachsam gegenüber jedem Rassismus und Antisemitismus. Die Kirche auf dem Weg der Umkehr freut sich über das Gotteslob der Jüdinnen und Juden, das sie immer an ihre eigene Wurzel bindet. Lasst uns nicht aufhören, hinzusehen!

Michael Bünker ist Bischof der Evangelischen Kirche AB in Österreich. Predigt beim  Gedenkgottesdienst "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt" am 7. Jahrestag der NS-Pogrome von 1938, 9.11.2013, Ruptechtskirche Wien

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