Himmelbauer, Markus

Juden und Christen gemeinsam unterwegs

Alttestamentliche Traditionen als Quelle zum Verständnis des Ostergeschehens.
 
Verurteilte man früher Juden pauschal als Gottesmörder und deutete die Theologie das christliche Geschehen als Überbietung und Überwindung des Judentums, so wissen wir uns heute Seite an Seite mit dem Volk des ersten Bundes. 
Die Einleitung zur Fürbitte lautet heute: “Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott unser Herr, zuerst gesprochen hat. Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“
Hier wird der eigenständige Weg der ungekündigten Verheißungen für Israel gewürdigt. Die päpstliche Bibelkommission zollt dieser Erwartung mit den Worten Respekt: “Die jüdische Messiashoffnung ist nicht vergeblich.“

Israel zuerst und bleibend “Gottes Eigentum“
In der Tat erlebten die Jüngerinnen und Jünger Jesu seine Passion und das Ostergeschehen nicht als Ende des Judentums und als Beginn einer neuen Religion, des Christentums. Sie deuteten Leiden und Auferweckung “gemäß der Schrift“ – der jüdischen Bibel, unserem Alten Testament – als Jüdinnen und Juden, als eine von vielen Richtungen im vielgestaltigen Judentum.
Die Verheißungen an Israel bleiben der tragende Grund für den Glauben der Christenheit. Psalm 111 fasst diese Zusagen gut zusammen: “Er hat ein Gedächtnis an seine Wunder gestiftet, der Herr ist gnädig und barmherzig. Er gibt denen Speise, die ihn fürchten, an seinen Bund denkt er auf ewig. Er hat seinem Volk seine machtvollen Taten kundgetan, um ihm das Erbe der Völker zu geben. Er gewährte seinem Volk Erlösung und bestimmte seinen Bund für ewige Zeiten.“
Als ein Ergebnis des christlich-jüdischen Dialogs haben wir Christen gelernt, bei Stellen wie diesen – sein Volk – zunächst an Israel, das jüdische Volk zu denken.  Durch Jesus als Brücke zu den Völkern dürfen auch wir an diesen Verheißungen teilhaben! 
Die kirchliche Leseordnung für die Sonntage der Fastenzeit schärft unseren Blick auf dieses Fundament und führt zu zentralen Stellen des biblisch-jüdischen Selbstverständnisses: Das Glaubensbekenntnis Israels am Ende der Wüstenwanderung, das die prägenden Erfahrungen mit IHWH nennt:  “Mein Vater war ein heimatloser Aramäer ...“ (Dtn 26). An den nächsten Sonntagen folgen der Bund mit Abraham (Gen 15) und die Offenbarung des Gottesnamens am Sinai (Ex 3).
Das Lied vom Gottesknecht (Palmsonntag – Jes 50) wird von Juden und Christen unterschiedlich interpretiert: Nach jüdischem Verständnis ist Israel der geschundene Knecht unter allen anderen Völkern. Doch bereits die ersten Gemeinden der Anhänger Jesu bezogen diese Überlieferung auf die Person Jesu (z.B. Mt 12,18). Auch ohne Übereinstimmung ist jede Auslegung doch authentische Glaubenssicht. Sie spricht von der doppelten Aufgabe des Leidenden, ohne das eine gegen das andere auszuspielen: Der Gottesknecht bringt “den Völkern das Recht“ (Jes 42,1), er ist dazu bestimmt, “der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein.“ (Jes 42,7).

Knechtschaft und Tod haben nicht das letzte Wort
Und – zentral auch für Christinnen und Christen – immer wieder der Bezug auf den Exodus, die Befreiung Israels aus Ägypten: Am 4. Fastensonntag (Jos 5), am 5. Fastensonntag (Jes 43) und prominent am Gründonnerstag (Ex 12) und in der Osternacht (Ex 14). In jüngster Zeit entdecken Christinnen und Christen mehr und mehr diese Gemeinsamkeit mit dem Judentum. Manche Gemeinden versuchen daher, einzelne Elemente aus der Pessach-Haggada zu übernehmen, dem Feiertext zum Sedermahl, mit dem Jüdinnen und Juden alljährlich die Flucht ihres Volkes aus Ägypten vergegenwärtigen. So erfreulich es ist, die geschwisterliche Verbindung beider Bekenntnisse wahrzunehmen, so ist eine äußerliche Aneignung eines jüdischen Rituals im christlichen Gottesdienst doch problematisch. Eucharistie und Seder haben unterschiedliche theologische Bedeutung und verschiedenen historischen Ursprung: Eucharistie und Osternachtsfeier können nicht als Erbe des Pessachfests verstanden werden, wie es heute anhand der jüdischen Haggada gefeiert wird.
Doch soll dazu ermutigt werden, in unseren Gottesdiensten durch Lieder, Psalmen, Gebete und Predigt gemäß unserer Tradition uns in die lange Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel einzubinden.

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