Karwoche

Sollten Christen das Sedermahl feiern?

Wenn jüdische Referenten von christlichen Gruppen eingeladen werden, um über das Judentum zu sprechen, erwartet man oft, dass sie Anschauungsmaterial mitbringen, um das gesprochene Wort zu verdeutlichen: ein Widderhorn zur Reflexion des jüdischen Neujahres, einen Palmenzweig zur Veranschaulichung des Laubhüttenfestes, ein Kästchen mit Gewürzen zur Illustration der häuslichen Zeremonie, die den Sabbat abschliesst.

Die Populärsten solcher Illustrationen sind die Symbole, die bei der Pessachmahlzeit, dem Sedermahl, benutzt werden: der Schenkelknochen, der an das Osterlamm erinnert, das gebrannte Ei, das das zweite - festliche - Opfer darstellt, die bitteren Kräuter, die uns an die Bitterkeit erinnern, die die Israeliten in Ägypten ertragen mussten, das Salzwasser, das wie ihre Tränen schmeckt, das Karoset (eine Mischung von Äpfeln, Mandeln und Wein), das wie der Mörtel aussieht, mit denen die Sklaven die Pyramiden bauten, und vor allem das ungesäuerte Brot und der Wein, die oft herumgereicht werden, um den Teilnehmern einen “Eindruck von der Paschafeier“ zu geben.

Wenn ich selbst gebeten werde, solches Anschauungsmaterial mitzubringen, lehne ich dies ab – nicht etwa, weil ich Christen eine Erfahrung des Judentums nicht gönnte, sondern weil ich glaube, dass eine derart vereinfachende Erklärung eine falsche Erfahrung bietet. Es ist genau so wenig hilfreich, wie einer jüdischen Gruppe Wein und Oblaten anzubieten, um den Juden einen Eindruck von der Eucharistiefeier zu vermitteln.

Den Auszug jährlich neu erleben

Die Tatsache, dass die Eucharistiefeier ihren Ursprung im Sedermahl haben könnte, das Jesus feierte, weist eher auf den Unterschied zwischen den beiden Religionen hin, als etwa auf ihre Ähnlichkeit. Christen können diesen Unterschied nur ignorieren, indem sie die jüdische Pessachfeier als vertrauten Brauch aus vergangenen Zeiten ansehen, statt sie, wie vorgesehen, sie als einen in der Gegenwart jährlich neuen Auszug aus Ägypten zu erleben, der so zum Paradigma, zum Muster jüdischer Geschichte wird.

Das Buch, das beim Sedermahl gelesen wird, die Haggada, ist ein Midrasch (jüdische Exegese, Auslegung), nicht eine einfache Wiedererzählung der Auszugsgeschichte. Es ist der Zweck des Midrasch, die Brücke zu bilden zwischen den Ereignissen der Vergangenheit und der gegenwärtigen Realität. Der Auszug stellt für den Juden den Beginn der Erlösung dar, und jeder Teilnehmer und jede Teilnehmerin muss diese Erfahrung auf sich selbst beziehen.

Das erneute Durchleben des Auszugs dient uns zur Vorbereitung auf die endgültige Erlösung, die messianische Zeit, die sich im Sedermahl widerspiegelt, wo ein extra Becher Wein auf dem Tisch steht – für den Propheten Elia, jene Gestalt, die nach jüdischer Tradition die Ankunft des Messias ankündigen wird. Unsere Erlösung begann in Ägypten und könnte schon bald abgeschlossen werden. Darum kann Elia in jedem Augenblick erscheinen; die das Sedermahl feiern, müssen bereit sein, ihn zu empfangen.

Die Bereitung des Rahmens

Die wunderlichen Zeremonien, an denen Christen so viel Freude zu haben scheinen, sind zwar anschaulich, aber illustrieren nicht das Judentum zur Zeit Jesu. Die Zeremonien bilden nur den Rahmen für den Midrasch, und dieser Rahmen ist der des klassischen Symposiums, bei dem die Teilnehmer während der Mahlzeit ernsthaft diskutieren.

Darum werden die Symbole auf ein Tablett gesetzt, und vom Zelebranten wird erwartet, dass er sich auf seine linke Seite stützt – in der Weise freier Römer – um zu zeigen, dass der Jude nach dem Auszug ebenfalls eine freie Person ist.

Der christliche Zusammenhang von Ostern und Pascha scheint ein anderer Midrasch über Auszug und Erlösung zu sein. Wir wissen jetzt genug über Midrasch, dass wir uns des Urteils darüber enthalten können, welches von beiden das authentische und welches das falsche ist. Alles, was wir sagen können, ist, dass die zwei verschieden sind und dass die Unterschiede sich darauf beziehen, dass Juden und Christen jeweils unterschiedliche Brücken zu bauen haben, um ihre jeweilige Vergangenheit mit der Gegenwart zu verbinden.

Nicht ein trautes Zeugnis der Vergangenheit

Das Paschafest als vertrautes Zeugnis der Vergangenheit, nämlich des Judentums zur Zeit Jesu anzusehen bedeutet, die jüdische Feier ihrer Gegenwartsbedeutung zu berauben.

Im Geist des wahren zwischenreligiösen Dialogs ist es für Vertreter der beiden Religionen hilfreicher und gesunder, vom Midrasch des anderen zu lernen, statt zu versuchen, das eine in das andere einzubauen.

Darum ziehe ich es vor, über den Sinn des Pessachfestes im heutigen jüdischen Leben zu sprechen – einschliesslich der vielen zeitgenössischen Zusätze und Anspielungen in den zahlreichen Ausgaben der Haggada, wie sie heute im Gebrauch ist – statt mich auf uralte Symbole zu konzentrieren. Schliesslich kommt es darauf an, was diese Symbole innerhalb der jeweiligen Religion bedeuten.

Die Symbole haben unterschiedliche Bedeutung

Manche Christen gebrauchen ungesäuertes Brot und Wein zu Ostern, Juden benutzen ungesäuertes Brot und Wein zum Pessach, was offensichtlich auf einen gemeinsamen Ursprung hinweist. Aber es ist bedeutsam, dass diese Symbole in den beiden Religonen sehr Unterschiedliches meinen und auf zwei diametral entgegengesetzte Vorstellungen der messianischen Zukunft hinweisen. Das Studium der unterschiedlichen Traditionen des Midrasch ist vielleicht ein besserer Beitrag zur christlich-jüdischen Verständigung, als die Betrachtung des gemeinsamen Ursprungs.

Damit erkläre ich meinen Widerwillen, als Leiter oder sogar “Konsultant“ bei christlichen Sederfeiern aufzutreten, nicht etwa, weil ich sie dem Judentum gegenüber als anstössig ansehe, sondern weil ich befürchte, dass sie irreführend sein können.

Zugleich aber habe ich mich immer bemüht, christliche Freunde zu unserer Sederfeier in mein Haus einzuladen und andere Juden ermutigt, das gleiche zu tun, denn enge Verbindungen kommen eher zustande, wenn man an den Festen des jeweils anderen teilnimmt, statt sie zu imitieren.

Aus ähnlichen Gründen habe ich mich gegen Weihnachtsfeiern in jüdischen Familien ausgesprochen, aber zugleich Juden ermutigt, Einladungen christlicher Freunde zu ihrem häuslichen Weihnachtsfest anzunehmen. Den Midrasch des jeweils anderen kennenzulernen, schafft Einsicht in den eigenen Midrasch. Der Versuch, die beiden in ein Kontinuum zu verschmelzen, schafft Verwirrung.


Rabbiner Dow Marmur ist Senior Rabbi des Holy Blossom Tempels in Toronto, ON, Kanada. Mit freundlicher Genehmigung.

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