Improperien – Gesang während der Kreuzverehrung

Am Karfreitag können die Improperien (improperium, lat.: Vorwurf, Beschimpfung) während der Kreuzverehrung gesungen werden. Geschichtlich unterstützten sie den Gottesmordvorwurf an die Juden. Im Umfeld der heutigen Liturgie dienen sie der Besinnung und Buße der Gemeinde. Kann man einen belasteten Text – wenn auch unter anderen Vorzeichen – heute fraglos weiter verwenden?

In den sog. Heilandsklagen stellt der Sterbende am Kreuz bedrängende Fragen. Szenen, vor allem aus dem Exodus-Geschehen, werden der Undankbarkeit des Volkes gegenüber gestellt: „Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. – Vierzig Jahre habe ich dich geleitet durch die Wüste. Ich habe dich mit Manna gespeist und dich hineingeführt in das Land der Verheißung. Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser. – Ich habe dir Wasser aus dem Felsen zu trinken gegeben und dich gerettet, du aber hast mich getränkt mit Galle und Essig. – Mein Volk, was habe ich dir getan, womit nur habe ich dich betrübt? Antworte mir!“ Die Gemeinde antwortet: „Heiliger, starker, unsterblicher Gott, erbarme dich unser.“
In der Geschichte wurde dieser Text oft im Sinne des Gottesmordvorwurfs an das jüdische Volk interpretiert. Die vorkonziliare Karfreitagsfürbitte „für die treulosen Juden“ und die eine „Theologie der Verachtung“ des Judentums gaben diese Verständnisrichtung vor. Auch die Interpretation des „Blutrufs“ des Matthäusevangeliums unterstütze dies: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25).
 

Erklären …

Ich kann erklären, dass die Improperien eine ganz andere Absicht haben: Der Text ist eine prophetische Anklage, angelehnt an den Propheten Micha (Mi 6,3-4). Angesprochen sind nicht die Umstehenden der Kreuzigung, sondern die Gemeinde, die bittet: „Erbarme dich unser“. Für unsere Schuld ist Jesus gestorben. So sagt es das Konzil: „Auch hat ja Christus, wie die Kirche immer gelehrt hat und lehrt, in Freiheit, um der Sünden aller Menschen willen, sein Leiden und seinen Tod aus unendlicher Liebe auf sich genommen, damit alle das Heil erlangen.“ (Nostra aetate 4) Das Kreuz ist nicht da, um Hass gegen andere, hier konkret Jüdinnen und Juden, zu schüren. „So ist es die Aufgabe der Predigt der Kirche, das Kreuz Christi als Zeichen der universalen Liebe Gottes und als Quelle aller Gnaden zu verkünden“, sagen die Konzilsväter in Nostra aetate. Die große Fürbitte „für die Juden“ dokumentiert heute den Geist der Hochachtung der Christinnen und Christen vor dem jüdischen Glauben: Gott „bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.“ Eine judenfeindliche Interpretation der Improperien ist ein Missverständnis.

… oder besser: ersetzen

Wie gesagt, ich kann das erklären. Aber was ist das für ein Lied, das man erst erklären muss, um es zu verstehen? Man könnte auch den „Seelenbräutigam“ der Schubertmesse erklären, die „von Gott verfluchten Gründe“ in „Tauet Himmel“ oder „Ein Haus voll Glorie schauet“. Dennoch hat man diese Texte im Gotteslob geändert und manche Strophen gänzlich gestrichen. Der Blick der Kirche wandelt sich, sie hat neue Einsichten und will Missverständnisse vermeiden. Genügt ein einführender Hinweis, um den Gesang von seiner tragischen antijüdischen Wirkungsgeschichte rein zu waschen und ihn nun unverändert weiter zu verwenden? Ich bin überzeugt, ein neuer Blick auf das Judentum braucht wohl auch neue Worte und Formen.
 

Neue Versuche

Es ist nicht verpflichtend, die Improperien zu singen. Seelsorgliche und theologische Gründe legen nahe, an die Stelle der traditionellen Improperien andere geeignete Gesänge zu setzen. Auch gibt es Versuche, ihre Aussagen zu aktualisieren und stärker auf unsere Zeit zu beziehen. Im Internet finde ich folgende Fassung von Reinhard Brandhorst: „Mein Volk, meine Kirche, was habe ich dir getan? Womit habe ich dich betrübt? Antworte mir.“ Die Beispiele dieses Gesangs orientieren sich an neutestamentlichen Themen und sind so näher am Erfahrungshorizont der Gemeinde.

Die Arbeitsgruppe „Fragen des Judentums“ der Ökumene-Kommission der Deutschen Bischofskonferenz hat sich durch eine frühere Handreichung der Richtlinien für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der Erzdiözese Los Angeles (USA) vom 29. Jänner 1982 anregen lassen, für die Fastenzeit und Heilige Woche eine pastorale Handreichung zu erstellen. Die Handreichung möchte den verantwortlichen Seelsorgern und ihren Gemeinde eine Hilfe anbieten, um die Hohen Tage des Kirchenjahrs im Geist des Respekts und der Verbundenheit gegenüber dem jüdischen Volk und Judentum zu begehen. Ihre Empfehlung für die Improperien am Karfreitag lautet:
 
Die Verehrung des Kreuzes wird von Gesängen begleitet. Diese Gesänge, „Improperien“ genannt, rezitieren Vorwürfe, welche die betende und feiernde Gemeinde in das Drama der Passion hineinstellen wollen. „Mein Volk, mein Volk, was tat ich dir?“ – das Du dieser Anrede meint nicht das jüdische Volk, wie sie über viele Generationen verstanden wurde, sondern uns: Wir selbst sind jene, die aus der Knechtschaft geführt und sicher durch die Wüste geleitet werden; wir selbst haben Bitterkeit gesät und ihm schalen Essig zu trinken gegeben – mit unserem Versagen und unserer Schuld.
 
Das nachfolgende Beispiel aus dieser Handreichung schlägt eine alternative Gestaltung des Gesangs zur Kreuzverehrung vor.

Mein Volk, was habe ich dir getan,
womit nur habe ich dich betrübt?
Antworte mir!
Aus allen Völkern habe ich dich berufen.
Das Evangelium der Befreiung habe ich dir gebracht.
Du aber hast anderen Lasten auferlegt.
Hagios...
 
Deinetwegen habe ich das Kreuz auf mich genommen,
auf meinen Schultern Deine Schuld getragen.
Du aber hast mich vor den Menschen verleugnet.
Hagios...
 
Die Liebe zu den Brüdern und Schwestern habe ich dir vorgelebt,
dich zu Gottes erwähltem Volk hinzuberufen.
Du aber hast mich mit ihm unterdrückt.
Hagios...
 
Ich habe dich gesandt, den Völkern die frohe Botschaft zu verkünden,
den Gefangenen Freiheit, den Trauernden Trost.
Du aber hast meinen Namen missbraucht.
Hagios...
 
Am Kreuz habe ich für meine Peiniger gebetet.
Ich habe dir aufgetragen, dem anderen zu vergeben.
Du aber hast deine Gegner verfolgt.
Hagios...
 
Die gleiche Würde aller Menschen habe ich dich gelehrt.
Juden und Heiden, Sklaven und Freie, Männer und Frauen sind eins in mir.
Du aber hast andere beherrscht.
Hagios...
 
Die Barmherzigen habe ich selig gepriesen.
Barmherzigkeit will Gott, nicht Opfer.
Du aber warst erbarmungslos gegenüber denen, die anders denken.
Hagios...

Wortlaut in: Hans-Jochen Jaschke (Hg.), Wiederentdeckung der Verbundenheit der Kirche mit dem Judentum. Arbeitshilfe 2., erweiterte Auflage (= Das Heilige Jahr 2000, 15), Bonn o.J. (2000), 162-191, 187f.
Quelle: Hans Hermann Henrix/ Wolfgang Kraus (Hg.), Die Kirchen und das Judentum. Band II: Dokumente von 1986 – 2000, Paderborn/Gütersloh 2001, 399-423, 420f.

Eine jüdische Antwort

Die Improperien haben eine Antwort von jüdischer Seite: Zu Pessach wird beim Seder das Dajenu gesungen, ein Danklied auf die Heilstaten Gottes. Es bezieht sich auf jene Ereignisse, die in den Improperien gerade als Ausweis der Undankbarkeit interpretiert werden: „Hätte uns der Ewige nur aus Ägypten herausgeführt, genug der Gnade wär’s für uns gewesen. – Hätte er das Meer für uns gespalten, aber nicht trockenen Fußes uns hindurchgeführt, genug der Gnade wär’s für uns gewesen. – Hätte er für unsere Bedürfnisse in der Wüste vierzig Jahre reichlich gesorgt, aber uns nicht mit dem Manna gespeist, genug der Gnade wär’s für uns gewesen. – Hätte er uns mit dem Manna gespeist, aber uns nicht den Schabbat geschenkt, genug der Gnade wär’s für uns gewesen. …“ Diese Antwort ist natürlich nur dann plausibel, wenn die Fassung des jüdischen Seder jünger ist als der Gebrauch der Improperien (oder ähnlicher Vorläufertexte) in der Kirche. Davon wird in der Forschung heute meist ausgegangen – aber das ist ein anderes Thema.

Markus Himmelbauer

Suche