Himmelbauer, Markus

Seder-Fiction

Christliche Sederabende sind ein Selbstbedienungsladen für exotische Spiritualitätsevents

Weihnachten ist mehr! Bewusst lebende Christinnen und Christen wissen, dass ein geschmückter Baum und ein Berg Geschenke zu wenig sind. Dazu gehören die Adventzeit, das Beten und Singen zu Hause um den Adventkranz, die Stille bei den Rorategottesdiensten frühmorgens in der Kirche, die Bußfeier, natürlich spät nachts die Mette am Heiligen Abend. Man kann aus einem Fest nicht einfach nur ein Element heraus reißen.

Diese engagierten Christinnen und Christen wollen einige Monate später Tod und Auferstehung Christi ebenfalls ganz bewusst feiern. Es ist gut, dass sie dabei auch die jüdische Wurzel ihres Glaubens bedenken. Doch da fehlt ihnen plötzlich der ganzheitliche Blick. Da wird aus dem Zusammenhang gerissen und freihändig Pesach gefeiert, was das Zeug hält. Koschere Speisen? Egal! Die Wohnung von Gesäuertem reinigen? Ach wo! Die Tora halten? Welche Gesetzlichkeit! Acht Tage feiern? Wir schaffen das an einem Abend!
Eine Check-Liste einer kirchlichen Organisation für eine Seder-Feier: Tischtuch, Gedecke, Kräuter, Wein … und natürlich eine Menora auf dem Tisch und Kippa für alle, damit es so richtig jiddelt.
Weiter, das „Rezept für Mazzen“: Man nehme 60 g Hefe, Olivenöl, Mehl … Ja, ein Pizzabrot wird’s. „Weil die Hausfrauen von echten Mazzen enttäuscht sind und fürchten, man könnte meinen, sie könnten es nicht besser“, rechtfertigt sich der Verantwortliche für diesen Behelf.
Irgendwelche hebräischen Lieder finden sich auch. Oder man singt eine christliche Vertonung des Sch’ma. Hoppala!, stolpere ich über die erste Zeile: „Höre Israel, der Herr ist ein einiger Gott!“ Nein, nicht „einziger“ steht da, sondern „einiger“ – schließlich will man ja die Dreifaltigkeit irgendwo unterbringen.

Auch wenn Juden seit der Tempelzerstörung keine Lämmer mehr schlachten, Christinnen und Christen tischen unverdrossen Lammbraten auf, um dem letzten Abendmahl Jesu besonders nahe zu sein. Und wenn schon historisch: Warum dürfen daran nicht nur bärtige Fischer und Zimmermänner aus Galiläa daran teilnehmen, sondern – welch unauthentisches Beiwerk! – auch Frauen?
Die solche Sederfeiern abhalten, tun dies aus vermeintlichem Respekt vor der jüdischen Tradition. Leider bleibt es beim „Gut Gemeint“: In seiner willkürlichen Auswahl ist es respektloses Nachäffen einer ehrwürdigen und zum Innersten des Judentums gehörenden Mitzwa.
In den synoptischen Evangelien spricht einiges dagegen, dass Jesu Abendmahl historisch eine Pesachfeier war. Weder am Ursprung der Eucharistie noch am Ursprung des christlichen Osterfestes steht ein Vorläufer der Pesachhaggada. Auch kann ein jährlich gefeiertes Pesach nicht erklären, wie daraus eine wöchentliche Eucharistiefeier entstehen sollte. Der Text der Haggada entstand im frühen Mittelalter. Was vorher war, kann nur vermutet werden. Heute ein „Seder Jesu“ zu begehen sei das „Feiern einer Hypothese“, meint ein Liturgiewissenschaftler.

Das christliche Geschehen vom Gründonnerstag bis zur Osternacht hat theologisch viel mit dem Exodus, der Befreiung zu tun. Warum kann dies nicht aus den eigenen reichen Traditionen heraus gefeiert werden –  selbstverständlich mit Bezug auf die Quellen im Ersten Testament? (Es muss ja nicht der Sederteller als eucharistische Schale sein!) Doch wir lieben es, den Anderen folkloristisch nach unserem Bild zu vereinnahmen, seien es exotische Südseemenschen oder eben hier das Judentum, bei dem alles viel einfacher, ursprünglicher – eben besser sei.

Manche bedauern, dass es kaum jüdische Menschen unter uns gebe, um mit ihnen ein Seder zu feiern. Der selektiven Wahrnehmung kein Ende: Über die christliche Beteiligung und Verantwortung daran wäre nachzudenken, die Wunde in unserer Mitte gilt es auszuhalten, die Leere nicht mit Philosemitismus zuzukleistern.

Was können wir für die Zukunft erwarten? Dass protestantische Christinnen und Christen sich am Reformationstag ihrer Wurzel besinnen und eine katholische – natürlich lateinische, vorkonziliare –  Eucharistiefeier abhalten! Und warum sollte das Interesse nur in die Vergangenheit gerichtet sein? Vielleicht wollen auch Jüdinnen und Juden einmal erleben, wie sich ihre Tradition weiter entwickelt hat und feiern nun ebenso eigenständig eine katholische Messe! Und wenn Muslime damit begännen, die Hölle wäre los.

Kommentar in: Jüdische Allgemeine Zeitung, 2005

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