Jesu Abschied und das Passa

Die Frage, ob das Abendmahl ein Passamahl war, ist von theologischer Bedeutung. So hat man hat aus der Einsetzung des Rituals von Brot und Wein – „unserem Abendmahl" – geschlossen, dass Jesus das Gedächtnismahl Israels ersetzen wollte: Nicht mehr der Auszug aus Ägypten als Befreiungsgeschehen sollte gefeiert werden, sondern die Sühne für die Sünden aller und die Befreiung vom Tod durch das Sterben Jesu am Kreuz. Der neue Bund sollte so an die Stelle des Alten treten.

Passa (auch Passah, Pascha oder Pesach genannt) geht auf die Geschichte vom Auszug Israels aus Ägypten zurück (2.Mose 12-13). Es wird zusammen mit dem unmittelbar folgenden Fest der Ungesäuerten Brote zum Gedächtnis an die Befreiung aus der Knechtschaft begangen. Gefeiert wurde das bedeutendste Pilgerfest in Jerusalem: Der Opferung der Lämmer im Tempel folgte das Mahl am Abend, nach Sonnenuntergang, mit Gesang und Gotteslob. Erst als Jerusalem zerstört worden war (70 n.Chr.), wurde im Judentum langsam die bis heute übliche Art der Passafeier entwickelt, die sehr stark auf die Familie konzentriert ist.

Nach dem Markusevangelium und ähnlich auch bei Matthäus und Lukas handelte es sich bei Jesu letztem Essen mit seinen Jüngern eindeutig um ein Passamahl. Am Tag der Schlachtung der Opferlämmer wird Jesus von ihnen gefragt, wo er dieses große Festmahl halten will (Mk 14,12-16). Dementsprechend ist der Todestag Jesu der Tag nach der Passafeier.

Im Johannesevangelium fehlt allerdings jeder Hinweis auf das Passamahl. Zwar findet sich auch dort am Beginn der Leidensgeschichte ein Bezug auf Passa: „Vor dem Passafest erkannte Jesus, dass seine Stunde gekommen war" (Joh 13,1), dann ist aber nur von einem normalen Abendessen die Rede (Joh 13,2). Und tatsächlich: Als am nächsten Tag – dem Karfreitag – die Ankläger rund um Kaiaphas vor Pilatus treten, ist ganz offensichtlich erst dann der Passatag: Sie gehen nicht in das römische Hauptquartier, weil sie sich sonst verunreinigt hätten und das Passamahl nicht hätten essen können (Joh 18,28). Passa findet hier also erst nach der Kreuzigung statt, Jesus stirbt vor der abendlichen Passafeier (Joh 19,14).

Auch sprechen historische Überlegungen eher dafür, das letzte Mahl Jesu auf den Tag vor dem Passa zu datieren. Die Ereignisse am Karfreitag, die Verhandlung vor Pilatus und die Kreuzigung, passen nämlich nur auf einen Tag vor dem Fest. So ist die Freilassung eines Gefangenen, wie sie die berühmte Barabbas-Szene erzählt (Mk 15,7-11), viel wahrscheinlicher vor dem Fest: Eine Amnestie anlässlich des Passa soll ja dem Freigelassene ermöglichen, mit seinen Angehörigen das Fest zu begehen. Vor allem aber hielten römische Statthalter an Festtagen grundsätzlich keine Gerichtsverhandlungen ab. Selbst der Evangelist Markus deutet schon an, dass Jesus schon vor dem Fest verhaftet wurde (Mk 14,2).

Eine theologische Deutung des Abendmahls als christliches Passa hat daher wahrscheinlich keine historische Basis. Die Kombination von Passa und Abendmahl bei liturgischen Feiern oder das Nachspielen von Jesu letztem Mahl als Passamahl im Religionsunterricht sind daher nicht nur aufgrund der pietätlosen Aneignung eines jüdischen Rituals abzulehnen, sondern basieren auch auf einem historischen Fehlschluss. Das letzte Mahl Jesu war ein festliches Abschiedsmahl, das nicht an ein jüdisches Fest gebunden war oder es gar ersetzen wollte. Vielleicht wusste Jesus schon, dass er in Todesgefahr war, und gab diesem Mahl daher eine besondere Bedeutung. Passa wollte er nicht ersetzen. Im frühen Christentum wurde das Abendmahl daher auch gefeiert als Erleben der Gemeinschaft mit dem Auferstandenen und unter den Glaubenden, eine Gemeinschaft, die erst durch Tod und Auferstehung Jesu ermöglicht wurde.

Markus Öhler. Der Autor ist Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft an der Evangelisch Theologischen Fakultät der Universität Wien.
Erstveröffentlichung: Die Saat, März 2014

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