"Die leidigsten Juden, die wurdens gewahr"

Das oberösterreichische Volksliedwerk hat eine Broschüre aus dem Jahr 1982 neu aufgelegt: "O Traurigkeit - 12 Passions- und Osterlieder". Was damals schon nicht mehr passend war, ist heute erst recht überflüssig.

Sehr volkstümlich werden dort die Passions- und Ostererzählungen der Evangelien nacherzählt, das Martyrium Jesu und die Befindlichkeiten der Beteiligten in vielen Details und Gefühlswallungen ausgemalt. Es ist wohl wie bei Mel Gibsons "Passion": Je anschaulicher die Darstellung ist, desto mehr entfernen wir uns von der theologischen Absicht des Passionsgeschehens, Action statt Glauben. Ich denke, die Kirchen haben sich von dieser schwulstigen und plakativen Leidensdarstellung zurecht verabschiedet, für die Glaubensverkündigung heute hilft sie uns nicht wirklich.

Die Neuveröffentlichung nun mag historisch interessant sein. Doch die Lieder sind ja für eine Aufführung gedacht. Und wo wird man sie aufführen? Wohl in einer Kirche. Was wird dabei verkündet?

Etwa im alten Fastenlied "Da Jesus in den Garten ging": "Die leidigsten Juden, die wurdens gewahr, sie machten sich auf und kamen alldar" wird mit nicht allzu hoher Kunstsinnigkeit gereimt: "Sie führn den Herrn Jesus ans Kreuze so hoch: Da warn dem Herrn Jesus seine Peinen so groß".
Für "leidig" steht im Synonymwörtebuch unter anderem: arg, böse, dumm, schrecklich, ungut, übel. Und das alles hier im Superlativ! Verschiedenste Textfassungen dieses Liedes aus dem 16. Jahrhundert finden sich im Internet. Sie drücken offensichtlich ein Bedürfnis aus, die Worte den Empfindungen und Einsichten der jeweiligen Zeit anzupassen und zu verändern. Das wäre auch hier gefragt gewesen. Eine andere Fassung bringt etwa das Volksmusikarchiv Oberbayern.

Verzichtbar halte ich auch eine Neuauflage der beiden Strophen im Lied "O Traurigkeit", in denen Juden erwähnt werden:
"Es muss ja wohl aus Marmorstein der Juden Herz sein gewesen,
weil sie nun zu solcher Pein noch lachten, wie wir lesen."
bzw.:
"Da muss auch sein aus hartem Stein der Juden Herz gewesen,
weil's bei solcher Todespein lachten, wie wir lesen."

  • Die Aussage dieser Strophe ist falsch: Dass Juden über den Kreuzestod lachen, ist so nirgends in den Evangelien zu lesen. Es sind zuerst die römischen Soldaten, die Jesus verspotten. Hohenpriester und Schriftgelehrte "verhöhnten ihn", eine bestimmte Gruppe, aber eben nicht "die Juden".
  • Die Aussage dieser Strophe ist überflüssig: In anderen Liedern wird klar gesagt "Für mich nahmst du das Kreuz". "Der Mensch" hat sich von Gott abgewendet. Der Verweis auf die Juden engt diese Perspektive ein und lenkt von meiner eigenen Verwobenheit ab.
  • Die Aussage dieser Strophe widerspricht der kirchlichen Lehre: Das Konzil hat mit Blick auf den Apostel Paulus festgehalten, die Juden sind "von Gott geliebt um der Väter willen; sind doch seine Gnadengaben und seine Berufung unwiderruflich". Das ist die Perspektive, unter der über Juden gesprochen werden soll. Und weiter sagt das Konzil: "Darum sollen alle dafür Sorge tragen, daß niemand in der Katechese oder bei der Predigt des Gotteswortes etwas lehre, das mit der evangelischen Wahrheit und dem Geiste Christi nicht im Einklang steht. Im Bewusstsein des Erbes, das sie mit den Juden gemeinsam hat, beklagt die Kirche, die alle VerfoIgungen gegen irgendwelche Menschen verwirft, nicht aus politischen Gründen, sondern auf Antrieb der religiösen Liebe des Evangeliums alle Hassausbrüche, Verfolgungen und Manifestationen des Antisemitismus, die sich zu irgendeiner Zeit und von irgend jemandem gegen die Juden gerichtet haben." Genau solche Texte wie diese Liedstrophe haben in der Geschichte den Judenhass geschürt und das Herz der Christinnen und Christen verhärtet.

In der Kirche soll also nun gesungen werden, was die Kirche nicht mehr vertritt. Die Kirche hat die Judenfeinschaft überzeugend hinter sich gelassen. Man muss sie nicht auf dem Umweg der Volksgutpflege wieder aufwärmen. Ich halte diese Neuauflage für verzichtbar.

Markus Himmelbauer

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