Israelsonntag

Mit dem jüdischen Volk gemeinsam unterwegs

Interview mit Koordinierungsausschuss-Vizepräsident Helmut Nausner

Am 4. August feiert die Kirche den „Israelsonntag". Früher war dieser 10. Sonntag nach Trinitatis ein Gedenktag der Verwüstung des Tempels in Jerusalem. Heute rufen wir – im Zeichen der Neubesinnung des Verhältnisses von Christen und Juden – die unwandelbare Treue Gottes zu seinem Volk in Erinnerung.
Pastor Helmut Nausner, em. Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche und Vizepräsident des Koordinierungsausschusses für christlich-jüdische Zusammenarbeit, spricht über die Bedeutung dieses Gedenktags für die Erneuerung der Kirchen aus dem Geist des christlich-jüdischen Dialogs.

nausnerWas bedeutet für Sie persönlich die Verbundenheit mit dem Judentum?
Nausner: Ich bin dankbar für die verschiedenen Beziehungen mit jüdischen Freunden. Das hat meinen Horizont geweitet. Ich freue mich darüber, dass Gott seinen Bund mit Israel nicht gekündigt hat und dass jüdisches Leben in seinen vielfältigen Formen ein starkes und ermutigendes Zeugnis für Gottes Treue und Verbundenheit ist. Und was für eine Bereicherung für die gesamte Menschheit!

Was feiern die evangelischen Kirchen am Israelsonntag?
Nausner: Der Wochenspruch des Israelsonntag sagt es deutlich: „Wohl dem Volk, dessen Gott der Herr ist, dem Volk, das er zum Erbe erwählt hat." (Ps. 33,12) Die Kirche freut sich mit Israel! Die Lesung des Sonntags, Lk 19,41-48, berichtet, wie Jesus über Jerusalem weint. Dies ist der Grundtext des Israelsonntags. Jesus sieht kommendes Unheil über Jerusalem kommen, darum weint er. Aber der Text macht auch deutlich, dass in Fragen der Religion und des Heils Zwang keinen Platz hat. Die anderen Lesungen aus Röm 9,1-8 und Joh 4,19-26 (als Predigttext empfohlen) zeigen, was die Christen Israel verdanken, denn das „Heil", so formuliert Johannes, „kommt von den Juden".
Die Kirche feiert dankbar das große Geschenk, durch Gottes Gnade Anteil bekommen zu haben am Bund mit Gott.

Wohin soll die Feier des Israelsonntag die Kirche und die Christen führen?
Nausner: Zu einem immer tieferen Verständnis der Verbundenheit mit dem Judentum. Nach seinen Ausführungen über die Bedeutung Israels und auch seiner Widerständigkeit bricht Paulus in Lobpreis aus: „O welch eine Tiefe des Reichtums, beides, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!" Wir sind auf dem Weg. Aber von Mal zu Mal darf es heller bei uns werden. Erkenntnis der Wege Gottes ist ein lebenslanger Lernvorgang. Das vollzieht sich immer nur Schritt für Schritt.

Was bedeutet für Christinnen und Christen der Staat Israel am Israelsonntag?
Nausner: Was der Staat Israel für Christen bedeutet, darf nicht auf den Israelsonntag begrenzt werden. Der Israelsonntag soll umgekehrt die Christen, die diesen Tag begehen, an die Bedeutung des Staates Israel erinnern. Die Fakten sollten gegenwärtig sein: am 29.11.1947 hat die Vollversammlung der UNO eine Resolution angenommen, dass ein Staat Israel errichtet werden soll. Aufgrund dieser völkerrechtlichen Entscheidung hat eine konstituierende Versammlung am 14. Mai 1948 in Tel Aviv stattgefunden, die die Errichtung des Staates Israel beschloss und bekannt gab. Damit ist eine Jahrtausende lange Sehnsucht in Erfüllung gegangen: ein eigener jüdischer Staat im Land der Väter. Nach Jahrhunderten der Verfolgung und Ausgrenzung wissen jetzt jüdische Menschen, dass sie im Fall neuer Bedrohung einen Zufluchtsort haben, der Staat Israel. Christen sollten der Mahnung des Apostel Paulus folgen, der im Römerbrief schrieb: „Freut euch, ihr Völker, zusammen mit seinem Volk" (Röm 15,10) und alle Christen dürfen einstimmen in die Bitte des Psalmisten: „Friede sei über Israel!" (Ps 125,5).

Was kann eine Gemeinde während des Jahres tun, um die Weggemeinschaft mit dem Judentum zu leben?
Nausner: Sie kann Kontakte suchen mit jüdischen Mitmenschen. Aber jeder Gottesdienst und jede Bibelstunde und jedes Bibelgespräch darf bewusst machen, dass wir die heiligen Texte jüdischen Gläubigen verdanken, sowohl im Blick auf das Alte Testament, als auch auf das Neue Testament. Sensibler werden für die vielen versteckten und gar nicht bewussten Haltungen von Judenfeindschaft in der Kirche und in der Gesellschaft und dem klar entgegentreten, es beim Namen nennen und überwinden helfen.

Die Kollekte des Israelsonntags geht an den „Koordinierungsausschuss für christlich-jüdische Zusammenarbeit". Was macht dieser Verein?
Nausner: Wir halten die Verbindung aller Kirchen zum Judentum und zur jüdischen Gemeinde wach. Dazu laden wir zu Vorträgen, Exkursionen und Begegnungen ein. Unsere Quartalschrift bietet vertiefende Beiträge dazu. Termine und einen umfangreichen Bibliothekskatalog finden Sie auf unserer Website www.christenundjuden.org

Interview: Markus Himmelbauer

Suche