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Coordinating Committee for
Christian-Jewish Cooperation |
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Hannelore Reiner
Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird.Dtn 6, 20-25 Sie, liebe Schwestern und Brüder, wären heute nicht hier, wenn Sie nicht bereit wären, ehrlich und rein auch an den 9. November 1938 zu denken und daran, dass am 1. September vor 70 Jahren der 2. Weltkrieg nicht einfach ausgebrochen ist sondern durch das nationalsozialistische Regime in „Großdeutschland“ gegen Polen erklärt wurde. Dabei geht es nicht bloß um ein historisches An-Denken, entscheidend ist die Vergegenwärtigung des vergangenen Geschehens, sodass die Geschichte für unsere Gegenwart und vielleicht auch Zukunft relevant wird und in Beziehung zu uns tritt. Die erste angemessene Art, sich einer derart belasteten Geschichte zu stellen, ist Schweigen. Und dies geschieht auch in diesem Gedenkgottesdienst und im nachfolgenden Schweigemarsch. Aber wie ist es möglich, darüber hinaus ehrlich und rein zu gedenken, ohne unter der Last der Geschichte zusammen zu brechen? Ich denke, hier hilft uns die Bibel, besonders das Erste Testament und damit auch die Art und Weise, wie das biblische Israel mit seiner Geschichte umgegangen ist. Israel hat seine eigene Geschichte stets auch als die Geschichte Gottes mit uns Menschen verstanden. Die Erinnerung wurde Teil der Glaubensgeschichte Israels und damit auch Teil seiner Kultur. Wir haben allen Grund, die Kultur des Erinnerns von Israel zu lernen. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist wohl die „Urgeschichte Israels“, die Befreiung aus dem Sklavenhaus. Jedem Gebot, dessen Einhaltung gefordert wird, geht diese Befreiungsgeschichte voraus. „Wir waren Knechte des Pharao in Ägypten und der Herr führte uns aus Ägypten mit mächtiger Hand.“ Beides ist in dieser Ur-Geschichte enthalten: Die Erinnerung an die Unterdrückung, an den tyrannischen Machthaber, an viel Blut und Tränen. Aber durch Gottes Gnade ist daraus eine Befreiungsgeschichte geworden, die allen künftigen Geschehnissen den Weg in die Freiheit bereits vorzeichnet. An der Last der Geschichte nicht zu zerbrechen und auch nicht ein Erinnern gegen jemanden anzuzetteln, denn das würde die Feindspirale nur weitertreiben, wie so oft leidvoll zu beobachten ist, sich so zu erinnern, dass es zu einem Teil des eigenen Innern wird, das können wir aus der Bibel lernen. Und noch eines: Nirgends in der Bibel steht: Das war einmal, das ist abgeschlossen, darum habt ihr euch nicht mehr zu kümmern… Genau das Gegenteil ist der Fall. Immer wieder wird das Gedenken, das Erinnern, das Vergegenwärtigen eingemahnt, bis hin zu den Einsetzungsworten des Hl. Abendmahls: Tut dies zu meinem Gedächtnis. Und es geht über das eigenen Erinnern noch hinaus: Du sollst es deinen Kindern einprägen, sie sollen wissen, woher sie kommen, was geschehen ist an Glück und Leid, an Schuld und Verbrechen. Erzähle es deinen Kindern und den Kindern deiner Kinder. Und wenn dein Sohn dich morgen fragen wird, dann weiche ihm nicht aus. Sage deiner Tochter, was geschrieben steht, wo die Steine heute noch schreien. Wir schulden unseren Kindern die Kultur des Erinnerns. Das ist auch eine uralte Form des Generationenvertrags. Ich habe von Begegnungen zwischen österreichischen Schülern und Schülerinnen mit Frauen und Männern erfahren, die hier und anderswo die Nazizeit erlitten haben. Ich zolle meinen tiefen Respekt jenen, die über diese Zeit nicht schweigen, sondern erzählen, ihre eigene Geschichte, wie Ruth Klüger, und ich bin voller Zuversicht, dass dies auch ein Stück Heilung für die Seele bringen kann. Ich freue mich andererseits über das Verlangen unserer Kinder, von all dem zu hören. Ich freue mich darüber, dass sie die Begegnung nicht scheuen und bin jenen dankbar, die diese vermitteln. So hat auch das biblische Israel seine Erfahrungen weiter gegeben, im Fragen und Antworten, im Teilen und Mitteilen des Erlittenen und Gott sei Dank auch im Erzählen von Befreiungsgeschichten. Das deutet eine Kette an, eine Staffel, die weitergegeben wird, damit auch tiefste Wunden zu heilen beginnen und die Erinnerung lebendig bleibt als eine Schule für die Gegenwart und für die Zukunft. Möge Gott es schenken, dass der heutige Abend mit seiner zwiespältigen Erinnerung an die Befreiungsnacht in Berlin vor 20 Jahren einerseits und zugleich an die Nacht des Schreckens in Wien und vielen anderen Orten im November 1938 ein Stück Weitergabe lebendiger Erinnerung sei, ehrlich und rein unter der Hoffnung auf Gottes Gnade und Erbarmen und seiner Befreiungsgeschichte mit uns allen. Amen. |