Trinks, Ulrich

Die schwedische Mission in der Seegasse

Für den 17. Jänner rufen die christlichen Kirchen in Österreich zum “Tag des Judentums“ auf. Die zentrale Veranstaltung des Jahres 2001 in Wien fand im Gemeindehaus der evangelisch-lutherischen Pfarrgemeinde im 9. Bezirk statt. Das Haus in der Seegasse Nr. 16 wurde 1973 von der lutherischen Kirche erworben als die “Schwedische Mission in Wien“ sich ganz zurückzog, wie in vielen anderen europäischen Hauptstädten außerhalb Schwedens auch, nachdem schon etwa 40 Jahre zuvor die missionarische Arbeit unter Juden zu einer dem Dialog verpflichteten Aufgabe geworden war.

 


1920, also vor nunmehr 80 Jahren, entsandte die Schwedische Israelmission zwei Schwestern – Diakonissen nach Wien um hier ihren “Dienst an den Juden“ aufzunehmen. Nachdem Einrichtungen der evangelischen Diakonie zunächst Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt hatten und damit auch eine seinerzeit gute Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in Wien begonnen hatte, konnte die Schwedische Israelmission 1922 das Haus Seegasse Nr. 16 erwerben, welches bis zur Schließung in den 60er Jahren als Sitz der Mitarbeiter und vor allem als Treffpunkt für judenchristliche Gemeindemitglieder diente. Die Motivation für diese Gründung in Wien war vor allem zweifach: Zum einen war überhaupt die schwedische lutherische Kirche, damals bis in diesem Jahr gleichzeitig Staatskirche, maßgeblich neben den Schweizern an Hilfseinrichtungen und –tätigkeiten für die verelendete Wiener Bevölkerung der Zeit unmittelbar nach dem 1. Weltkrieg beteiligt. Zum anderen hatte eben diese Nachkriegszeit auch eine neuerliche Zuwanderung aus den vom Krieg schwer heimgesuchten mittel- und osteuropäischen Ländern, also vor allem den sog. Nachfolgestaaten der österreichisch-ungarischen Monarchie, zur Folge, darunter zahlreiche Juden.

Es ist nur zu verständlich, dass vor allem die jüdische Orthodoxie in Wien über diese Niederlassung der Schwedischen Israelmission in Wien nicht nur betroffen war, sondern dies auch als einen direkten Angriff auf den Bestand der Wiener jüdischen Gemeinschaft ansah. Der ebenfalls nach Wien entsandte erste Leiter dieser Missionsstation, Weinhausen, hat offensichtlich mit kluger Zurückhaltung diesen Antagonismus mildern können. Noch dazu hat wenig später einer der bedeutendsten evangelischen Theologen mit ökumenischer Erfahrung, der Wiener Religionsprofessor Haberl, die Leitung übernommen. Haberl war bereits als maßgebliche Persönlichkeit der theologischen Arbeit des interkonfessionell arbeitenden CVJM (Christlicher Verein junger Männer) und auch der neugegründeten ebenfalls überkonfessionell arbeitenden Christlichen Studentenbewegung in Wien bekannt und geschätzt. Nach seinem Tod 1928 und einem kurzen Übergang durch die Mitarbeit des Rektors der Inneren Mission Dr. Hans Jaquemar wurde die Leitung dem norwegischen Israelmissionar Dr. Jonsen aus Bethlehem übertragen. Auch er hat die enge Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche in Wien aufrecht erhalten, sodass z.B. auch Juden, die getauft werden wollten, den Übertrittsunterricht im Zentrum in der Seegasse erhalten konnten. Aus den Jahresberichten der damaligen Zeit ist zu entnehmen, dass etwa 100 jüdische Mitbürger und Mitbürgerinnen jährlich zum Christentum übergetreten sind.

Nicht von ungefähr übernahm dann 1933 der deutsche Sozialpfarrer Forell die Arbeit in Wien in Zusammenarbeit mit den beiden erwähnten Diakonissen, zu denen noch viele andere Mitarbeiterinnen aus Schweden, Finnland, Dänemark und Deutschland kamen. Eine dieser Schwestern wurde später, nach der Schließung der Station in Wien, Hausmutter im Theologischen Institut der Schwedischen Kirche in Jerusalem. Von besonderer Bedeutung war aber der Eintritt von Sr. Anna-Lena Peterson, die noch, mit Unterbrechung in der Kriegszeit, über ihre dienstliche Pensionierung in den späten 70er Jahren hinaus bis in die jüngste Zeit in Wien wenigstens als Betreuerin in der Wiener Schwedischen Auslandsgemeinde tätig war. Sie starb kurz nach der Rückkehr in ihre schwedische Heimat. Sie hat noch vor ihrer Rückkehr eine Zusammenfassung ihrer Erinnerungen vor allem an die böse Zeit nach 1938 an der Seite des damals (seit 1936) als schwedischer Pfarrer und Direktor der Schwedischen Mission in Wien wirkenden D. Göte Hedenquist hinterlassen, über die sie noch 1938 in einer großen öffentlichen Veranstaltung im Schauspielhaus (Porzellangasse, Wien 9.) berichten konnte.

Die Judenverfolgungen seit 1933 im Deutschen Reich hatten zunächst zur Folge, dass nicht nur zahlreiche Juden und Christen jüdischer Abstammung nach Österreich, vor allem auch nach Wien geflüchtet waren, sondern dass auch der Direktor des berühmten Institutum Judaicum Delitzschianum, Dr. Kosmala, von der Schwedischen Mission nach Wien gerettet wurde und dort bis 1938 tätig war, als die “nicht-arischen Mitarbeiter“, so auch Pfarrer Forell, Österreich verlassen mussten. Die Tätigkeit der Station in der Seegasse bis 1938 umfasste nicht nur regelmäßige Vorträge und wöchentliche Vorlesungen zu bis heute relevanten Themen des christlich-jüdischen Verhältnisses, etwa von der Darstellung der Arbeit Martin Bubers, über die religiöse Stellung der Frau im Judentum, das jüdische Jesusbild in Geschichte und Gegenwart, den Prozess Jesu zum Schwerpunkt in der Aufklärung und Bekämpfung der religiösen und säkularen Judenfeindschaft. Zu den zahlreichen später bekannten vorwiegend theologischen Emigranten gehörte maßgeblich bis zu seinem kürzlichen Tod der unermüdlich tätige Leiter des Paulus-Werkes in Wien, Pater Johannes Österreicher. Er war zusammen mit Univ.Prof. Dr. Kurt Schubert auch einer der Väter und unermüdlicher Kämpfer für ein erneuertes Verhältnis der katholische Kirche zum Judentum und daher auch für die grundlegende Enzyklika “Nostra Aetate“ mit verantwortlich. Auch er war, wie viele andere, zur Emigration gezwungen und hatte in New York das Institutum Judaicum als Zentrum für die Arbeit an einer christlich-jüdischen Erneuerung gegründet.

Von 1938 an übernahm Pfarrer Hedenquist als schwedischer Staatsbürger unter diplomatischer Immunität einigermaßen geschützt die Leitung in der Seegasse. Er schreibt in seinen Erinnerungen: “In unbeschreiblichen Notsituationen musste rasch geholfen werden. Die Räume in der Seegasse dienten als Auswanderungsbüro, Wohnungsamt, Hilfswerk, Mittagstisch und Zufluchtsstätte für die Verlassenen und Verfolgten. Immer wieder griff die Gestapo brutal in die Geschehnisse ein. ... Die Bezeichnung “Schwedische Gesellschaft für Israel“ musste sofort geändert werden – aber als man mir durch einen Wiener Polizisten – der übrigens einer unserer Freunde war – den Auflösungsbescheid aushändigte, hatte ich bereits gehandelt und von der höchsten deutschen Instanz die Bewilligung erlangt, dass die “Schwedische Mission Stockholm, Missionsstation Wien“, nach dem “Führerprinzip“ aufgebaut, in der Seegasse weiterarbeiten konnte. Ich sehe noch die Tränen in den Augen des Polizisten, als er mich umarmte und sagte: “Sie scheinen unter dem besonderen Schutz Gottes zu stehen!“ ja, das erfuhren wir später oft, und viele trauten uns deswegen auch mehr zu, als wir tatsächlich tun konnten. An den Sonntagen mussten mehrere Gottesdienste gehalten werden, weil der Kirchensaal nicht ausreichte, alle Besucher aufzunehmen. “Offiziell“ hatte ich etwa 100 Mitarbeiter, die eine von mir ausgestellte Anstellungskarte besaßen, die ihnen, jedenfalls in den ersten Jahren, eine große Hilfe war. Ihnen und vielen anderen konnten wir die Ausreise ermöglichen und Adressen mitgeben, an die sie sich im Ausland wenden konnten. Über 3000 Juden und Christen jüdischer Abstammung konnten so in den Jahren 1938 bis 1949 ins Ausland und damit vor dem sicheren Tode gerettet werden!

Um Pässe und sonstige notwendige Ausreisepapiere zu verschaffen, waren Glieder unserer Jugendkreise in Eichmanns Hauptquartier als “geheime Missionspolizei“ – ich nannte sie “GEMIPO“ – unermüdlich und unerschrocken tätig. Aber es liegt uns schwer auf der Seele, dass eine weit größere Zahl unserer Freunde nicht gerettet werden konnte, trotzdem wir alles in unserer Macht Stehende taten, um sie vor dem Zugriff der Henker zu bewahren oder aus Gefängnis und Lagern herauszuholen. Die Gedenktafel in unserem Kirchensaal erinnert an die, denen nicht geholfen werden konnte.

Die ständigen Auseinandersetzungen mit der Gestapo führten schließlich dazu, dass ich Ende März 1940 Wien verlassen musste. Mein schwedischer Mitarbeiter Pfarrer Johannes Ivarsson übernahm die Leitung, aber auch er konnte nicht verhindern, dass das NS-Regime im Sommer 1941 die Sperre verfügte. Der Dienst unter den alten Juden und Christen jüdischer Abstammung, den wir in unserem Altenheim in Weidling-Klosterneuburg taten, konnte noch einige Monate weitergeführt werden, und die Leiterin Anna-Lena Peterson konnte bis November 1941 bleiben. ...

Die Zeit, über die ich berichten konnte, ist vorbei; was ist geblieben? Nur die Erinnerung an den großen Schrecken, vielleicht auch das Bewusstsein einer großen Schuld? Als wir mit unserer Arbeit wieder beginnen konnten, haben uns viele bezeugt, dass sie eines in ihrem Leben nicht missen wollen: den Geist, der diese Arbeit von Anfang an erfüllte und bewegte. (1972! U.T.) Schwester Anna-Lena Peterson und Pfarrer Adolf Rücker, die jetzt die Schwedische Mission in Wien leiten, sehen es als ihre vornehmste Aufgabe an, diesen sprichwörtlich gewordenen “Seegassengeist“ zu bewahren und in diesem Geiste ihren Dienst zu tun. Es ist unser sehnlicher Wunsch, dass alles, was wir tun, der Evangelischen Kirche in Österreich zum Segen werde und der Begegnung zwischen Kirche und Israel diene.“
(aus: Göte Hedenquist, 50 Jahre Schwedische Mission in Wien, in: Christus Bote Nr. 32, 1972).

Bereits im März 1938 hatte die Beschlagnahme von Büchern und Geld spüren lassen, was die Mitarbeiter und die Einrichtung selbst zu erwarten hatte. Die speziellen Gottesdienste wurden überwacht, während die Zahl der Gottesdienstbesucher weiter zunahm: Viele Evangelische jüdischer Abstammung wurden aus der Teilnahme an ihren Gemeindegottesdiensten verwiesen. “Die wenigen Überlebenden, die 1945 nach Österreich zurückkehrten, waren über dieses Vorgehen verständlicherweise so verbittert, dass sie zum Großteil nicht in ihre ursprünglichen Gemeinden zurückkehrten, sondern in der Seegasse blieben.“ (Monika Nüchtern, “Die Evangelische Kirche in Österreich und das Judentum nach 1945“, Seminararbeit Wien 1988).

Der Träger der Mission, die “Schwedische Gesellschaft für Israel“, musste den Namen in “Schwedische Mission Stockholm, Missionsstation Wien“ ändern. Die Haupttätigkeit lag bei der Betreuung von Auswanderern, wofür ein eigenes Büro, später auch sogar eine eigene Kanzlei im Palais Rothschild in der Prinz-Eugen-Straße, dem Sitz des Hauptquartiers Eichmanns, eingerichtet wurde. Über diese Tätigkeit und die Auseinandersetzung mit Eichmann hat Göte Hedenquist im “Christusboten“ (Nr. 9, 1963, Seite 133ff.) ausführlich berichtet. Danach konnten über 3.000 Christen jüdischer Abstammung und Juden in den Jahren 1938 bis 1940 ins Ausland gerettet werden. Die Schwedische Mission hat fast ausschließlich evangelische Juden und ihre Familienangehörigen betreut. Pfarrer Hedenquist musste im März 1940 Wien verlassen; als sein Nachfolger übernahm Pfarrer Ivarsson die Leitung bis die Missionsstation im Sommer 1941 endgültig geschlossen wurde. Das war das Ende der Tätigkeit in der Seegasse.

Während 1946 Sr. Anna-Lena Peterson nach Wien zurückgekehrt war, blieben die Räumlichkeiten der Schwedischen Mission bis 1951 noch von einer schwedischen Kinderrettungsaktion und dem dortigen Roten Kreuz benutzt. 1951 wurde das Haus Seegasse 16 wieder der “Schwedischen Mission für Israel“ übergeben und dann auch wieder Gottesdienste in der Messiaskapelle gehalten. Als Pfarrer war Dr. Felix Propper berufen worden.

Dr. Propper war 16jährig 1909 evangelisch getauft worden, hatte nach dem Militärdienst Rechtswissenschaften studiert und 1928 die Zulassung als Rechtsanwalt erworben. Ab 1938 konnte seine Frau Leopoldine Propper mit den Kindern durch die Vermittlung der Schwedischen Mission Anfang 1939 nach Schweden emigrieren. Ihr Gatte flüchtete im selben Jahr über Italien nach Frankreich, wo er 1941 in Clermont-Ferrand evangelische Theologie zu studieren begann. Nach Abschluss des Theologiestudiums in Südfrankreich floh Dr. Propper in die Schweiz, wo er als evangelischer Vikar arbeiten konnte. Erst 1945 wurde die Familie in Schweden wieder vereinigt, doch entschloss diese sich wegen der Arbeitsmöglichkeiten nach Österreich zurückzukehren. Zunächst wieder als Rechtsanwalt tätig wurde er 1948 nach einer kirchlichen Ergänzungsprüfung zum evangelischen Pfarrer ordiniert und ab 1951 mit der Aufgabe der Judenmission in der Superintendenz Wien beauftragt. Ebenso holte ihn die Schwedische Mission für den Dienst in die Station in der Seegasse.  

Seine Berufung an die Station der Schwedischen Mission in der Seegasse war nicht nur eine wichtige Wiederaufnahme der christlich-jüdischen Arbeit auf evangelischer Seite in Wien, sondern auch durch seine Person ein entscheidender Anstoß für das endgültige Abrücken der Schwedisch-lutherischen Kirche vom Konzept der Judenmission. Während Dr. Propper das judenchristliche Element in der Arbeit der Seegasse betonte, wurde dieses Zentrum ab 1960 in eine Predigtstation der evangelischen Gemeinde AB Innere Stadt umgewandelt. 1973 verkaufte auch die Schwedische Kirche Haus und Grundstück an die Pfarrgemeinde AB Innere Stadt. 1998 löste sich die Gemeinde aus dem Verband der evangelischen Pfarrgemeinde AB Innere Stadt und verselbständigte sich.  

Ich möchte diese Darstellung mit einigen Sätzen von Dr. Propper beschließen, in denen er der Frage nachging, wie man nach der Schoa, der ein Großteil seiner Familie zum Opfer fiel, Christ jüdischer Abstammung sein kann. Drei Jahre vor seinem Tod 1962 schrieb er: “Wir sind Christen jüdischer Abstammung, die ihre Herkunft weder verachten, noch verleugnen, sondern sich freudig zu ihr bekennen, die sich als Glieder ihres jüdischen Volkes betrachten und mit ganzer Kraft für seinen Staat Israel eintreten. Wir sind keine getauften Juden, die den Anschluss an den christlichen Glauben lediglich als Mittel der Assimilation betrachten, um gesellschaftliche und wirtschaftliche Nachteile zu vermeiden. Wir sind – von der Daseinsberechtigung und Sendung des jüdischen Volkes überzeugt – auch als Christen entschlossen, unsere besondere Eigenart als Juden zu erhalten und auch bei unseren Familienangehörigen, Kindern und Kindeskindern für die gleiche Haltung einzutreten.“ (aus: Was wir sind und wünschen. Was wir nicht sind und ablehnen. in: Der Judenchrist 7, 1959 Nr. 2, S. 8). Die Auseinandersetzung um den Zusammenhang zwischen Judenmission und traditioneller Judenfeindschaft, in der, seiner Erfahrung nach, einerseits die Herabsetzung der Juden als auch das dem Ziel der Judenbekehrung dienende Mittel verbunden sei, führte kurz vor dem Ende seines Lebens und nach dem Ausscheiden aus dem Dienst der Schwedischen Mission zu der Zuspitzung in einer grundsätzlichen Ablehnung der Judenmission in der Sache. Diese seine neu gewonnene Einsicht hatte er in einem Vortrag 1961 in Dänemark vorgetragen, der anschließend im Deutschen Pfarrerblatt, nicht jedoch in einer österreichischen evangelischen Zeitschrift, veröffentlicht wurde!  

Die einige Jahrzehnte anhaltende intensive Diskussion im Anschluss an diese Veröffentlichung blieb Jahrzehnte lang ein wesentliches Thema der kirchlichen Auseinandersetzungen in den evangelischen Kirchen der an der Schoa beteiligten Länder. In den 30 Jahren seit der Schließung der Schwedischen Mission im Haus Seegasse 16 haben fast alle judenmissionarischen Einrichtungen in den evangelischen Kirchen Europas ihre Tätigkeit zugunsten eines partnerschaftlichen christlich-jüdischen Dialoges reformiert.

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