WIR HATTEN EINE WUNDERBARE ZUSAMMENARBEIT

Erinnerung an Sr. Hedwig Wahle

Ich lernte Sr. Hedwig in den Vorlesungen von Prof. Schubert kennen. Ich erfuhr, dass sie Mitglied in der Kongregation Notre Dame de Sion war. Vor allem mit meiner Frau hat sie Bekanntschaft geschlossen und sie war einige Male bei uns am Freitag Abend zum Schabbat zu Besuch. Am Gymnasium unterrichtete sie Mathematik und Physik. Die Bedingung für eine Anstellung beim Stadtschulrat war, dass sie Zivilkleidung trug.
Sr. Hedwig lud monatlich zu Vorträgen in der Burggasse ein. Ich bewunderte ihr Organisationstalent, denn Sie plante immer ein Jahr voraus und es gelang ihr, die interessantesten Leute von Nah und Fern einzuladen. Auch meine Frau und ich durften bei diesen Vorträgen einmal sprechen. Die Reden wurden auf Tonband aufgenommen und dann in kleinen Textheftchen veröffentlicht, die es heute noch gibt.
1985 gab es eine Tagung zum Judentum im katholischen und evangelischen Religionsunterricht. Später hatte Sr. Hedwig die Idee, abwechselnd zur Bibelwoche in Graz-Mariatrost alle zwei Jahre eine Wochenendtagung im Haus St. Bernhard in Wiener Neustadt zu veranstalten. Ziel der Seminare und ihres ganzen Bemühens war es, einem christlichen Publikum das Judentum nahe zu bringen. 1989 und 1991 habe auch ich dort über unsere Gebete referiert.


Oft habe ich mit Sr. Hedwig über die Bibelauslegung gesprochen. Die Schriften des Neuen Testaments sind keine Protokolle, sondern Glaubensschriften, manchmal merkt man, dass die Verfasser das Judentum nicht sehr genau kannten. Mit Professor Schubert habe ich darüber in den Vorlesungen hart diskutiert, mit Sr. Hedwig aber nie ebenso scharf gesprochen. Wir hatten ein anderes Verhältnis zueinander: Ich wollte mit ihr ja zusammen arbeiten. Und wir haben wunderbar zusammen gearbeitet.
Meine Motivation, mich im christlich-jüdischen Dialog zu engagieren, ist, falsche und haarsträubende Vorstellungen über das Judentum zu korrigieren. Ich will zeigen, wie wir die Bibel verstehen. Christen müssen sie auf ihre Weise auslegen, doch auch wir haben unseren eigenen Weg. Der Oberrabbiner wusste von meinen Bemühungen, aber im Judentum muss ich dafür niemand um Erlaubnis fragen: Ich selbst bin G’tt gegenüber voll verantwortlich, was ich tue und unterlasse.
Bei dem kleinen Heftchen „Das Synagogale Gebet am Freitag Abend“ habe ich ihr die Reihenfolge unserer Gebete aus dem Mannheimer-Gebetbuch angegeben und einige Anmerkungen gemacht. Die Hauptarbeit hat sie geleistet. Da ich damals gerade eine Operation hinter mir hatte, brachte sie mir die Druckfahnen ans Krankenbett zur Korrektur, auch der Oberrabbiner hat es noch redigiert. Ich habe die Entstehung nur ein wenig unterstützt, trotzdem hat sie mich dann als ersten Autor auf den Umschlag gesetzt.
Einmal musste ich ihr dennoch einen Wunsch ausschlagen: Sie wollte, dass ich mit ihr in einer Kirche ein Gebet verrichte. Doch das geht nicht! Ich habe keine Schwierigkeiten, eine katholische Kirche zu betreten, ich bin kein Cohen. Wir können auch gemeinsam einen Psalm sagen, was sie für sich selbst vielleicht als Gebet interpretieren mag, aber wir haben keine gemeinsamen Gebete. Aus anderen Anlässen habe ich zweimal in einer Kirche einen Psalm gelesen.

Sr. Hedwig hat sich bemüht – auch aufgrund der eigenen Familiengeschichte – das Judentum immer mehr und tiefer zu verstehen. Vielleicht wurde das nicht immer von allen in ihrer Umgebung wirklich geschätzt. Sie besaß umfassendes Wissen und sie hatte eine ausgesprochen gewinnbringende Art, Menschen zusammen zu bringen. Ihr Tod ist ein großer Verlust.

Kurt Bergmann, 2001

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