Eingedenken und Hoffen Zum Holocaust Gedenktag am 27. Jänner Bischof Manfred Scheuer
10/02/26 Tag des Judentums
Am 27. Jänner gedenken wir der „Befreiung“ des Konzentrationslagers Auschwitz vor 81 Jahren und damit der Millionen Ermordeten der Shoah, des „Holocaust“.
Es war Johann Baptist Metz, der für eine Theologie „nach“ Auschwitz, d.h. im Angesicht der Opfer der Shoah eintrat. Metz plädiert für eine moralische Auffassung von Tradition, die nur dann Maßstäbe für das eigene Handeln aus der Geschichte gewinnt, wenn sie sich der katastrophischen Dimension der Geschichte stellt. Für diese Auffassung von Tradition ist es entscheidend, dass sich der Erinnernde in ein moralisches Verhältnis zum Erinnerten setzt, also den neutralen Standpunkt distanzierend verfahrender, am Objektivitätsideal orientierter Geschichtsforschung überwindet. Eine anamnetische Kultur gedenkt der verstummten Opfer und erklärt sich mit ihnen solidarisch.
Eine ethische Auffassung von Tradition ist so nicht rein sachlich objektiv oder neutral, ist kein historisches Betrachten eines Zahlenwerkes. Beim Gedenken können wir nicht flüchten in ein allgemeines „Man“ oder unpersönliches „Wir“. „Wir“ haben uns selbst zu fragen, welche Rolle wir dabei einnehmen: Opfer, Richter, Täter, Angeklagter, Verstrickter, Schuldiger, Zuschauer, Beschämter, Anwalt, Flüchtling ...?
Das Gedenken an die Shoah kann auch nicht mit einer vorschnellen Identifizierung verbunden sein, d.h. dass wir automatisch in einem großen Wir-Gefühl eins wären mit den Guten der Geschichte - ohne Umkehr und ohne Besinnung auf die eigene Freiheit - und uns so arrogant gegenüber den Bösen der Vergangenheit erheben könnten.
Das Gedenken ist verbunden mit Trauer, Scham, Bekenntnis, Reue, Distanzierung, Klage, liebender Verbundenheit. Es steht im Kontext von Sympathie, Apathie oder Antipathie, von Gleichgültigkeit, Nihilismus, Hoffnung, Hass, Verachtung, Verzweiflung, Verzeihen, Freude am Leben, Bitterkeit, Funktionalisierung. In die Formen der Erinnerung mischt sich die Frage nach Gerechtigkeit, aber auch der Wille zur Macht. Erinnerung steht im sozialen, politischen und religiösen Kontext der Vergangenheit und der Gegenwart; sie braucht die Aufmerksamkeit gegenüber Formen materieller und sozialer Armut, gegenüber Entwurzelung, gegenüber Ängsten, gegenüber Potentialen von Verachtung und Hass, von Ressentiment und Revanchismus.
Entschuldigungs- und Verdrängungsmechanismen gibt es viele.
Wenn der Selbstfreispruch der Täter nicht klappt, wenn es nicht gelingt, das Gedächtnis der Leidenden zu zerstören, wenn die Beschönigung der Unmenschlichkeit doch zu billig erscheint, dann heißt es: „Wir müssen endlich die Vergangenheit ‚bewältigen’ und ‚aufarbeiten’“. Kann man aber Tote ‚aufarbeiten’? Man kann nicht Auschwitz, Gusen oder Hartheim ‚bewältigen’!
Die Opfer lassen sich nicht bewältigen, z. B. indem man aufrechnet und beweist, dass es auf der anderen Seite auch viele gegeben hat. Zahlen lassen kalkulieren und verführen zur Gleichgültigkeit. Einzelne unverwechselbare Gesichter und Namen würden zu Nummern, eingeordnet und aufgehoben ins Allgemeine, verfügbar für mathematische Kalküls. - Wenn wir der Opfer gedenken, so wollen wir die, die zur Nummer, zum Kalkül, zur Funktion degradiert wurden, beim Namen nennen. „Denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen (Yad Vashem) geben.“ (Jes 56,5)
Das Gedächtnis der Opfer der Shoah ohne Hoffnung für diese wird zur Buchhaltung des Todes. Ein Gedenken ist ein Unternehmen unterscheidender Spurenlese, des Ausschau-Haltens nach dem ausgesetzten Menschen, nach dem leidenden Gott. Walter Benjamin entwirft ein erschreckendes Bild von der Geschichte. In einem Sprachbild über Paul Klees „Engel der Geschichte“ flieht der Engel mit dem Rücken zur Zukunft von der Vergangenheit, die sich vor ihm als Katastrophe des Untergangs, des Todes und der Zerstörung auftürmt. Der Weg zum Paradies ist versperrt; der Sturm des Fortschritts treibt ihn von ihm fort, blind, in die Arme der Zukunft. Die Zeit rollt über die Toten hinweg, in eine Zukunft, die daran nichts ändern wird. Walter Benjamin sucht eine Weise des Umgangs mit der Geschichte, in der die Solidarität mit den Leidenden, Unterdrückten und Erschlagenen nicht aufgekündigt wird.
Wenn durch das Eingedenken des Leids der Vergangenheit dieses zu einem unabgeschlossenen werden soll und die Leidenden, Opfer und Besiegten nicht bloß funktional auf den Fortschritt oder auf einen glücklichen Endzustand gedacht werden sollen, wenn es unmenschlich ist und einen Verrat an der universalen Solidarität bedeuten würde, dann muss letztlich ein Gott sein, der mit den Toten, Geschlagenen und Opfern durch die Macht der Auferweckung etwas anfangen kann.
Bischof Manfred Scheuer
Eine ethische Auffassung von Tradition ist so nicht rein sachlich objektiv oder neutral, ist kein historisches Betrachten eines Zahlenwerkes. Beim Gedenken können wir nicht flüchten in ein allgemeines „Man“ oder unpersönliches „Wir“. „Wir“ haben uns selbst zu fragen, welche Rolle wir dabei einnehmen: Opfer, Richter, Täter, Angeklagter, Verstrickter, Schuldiger, Zuschauer, Beschämter, Anwalt, Flüchtling ...?
Das Gedenken an die Shoah kann auch nicht mit einer vorschnellen Identifizierung verbunden sein, d.h. dass wir automatisch in einem großen Wir-Gefühl eins wären mit den Guten der Geschichte - ohne Umkehr und ohne Besinnung auf die eigene Freiheit - und uns so arrogant gegenüber den Bösen der Vergangenheit erheben könnten.
Das Gedenken ist verbunden mit Trauer, Scham, Bekenntnis, Reue, Distanzierung, Klage, liebender Verbundenheit. Es steht im Kontext von Sympathie, Apathie oder Antipathie, von Gleichgültigkeit, Nihilismus, Hoffnung, Hass, Verachtung, Verzweiflung, Verzeihen, Freude am Leben, Bitterkeit, Funktionalisierung. In die Formen der Erinnerung mischt sich die Frage nach Gerechtigkeit, aber auch der Wille zur Macht. Erinnerung steht im sozialen, politischen und religiösen Kontext der Vergangenheit und der Gegenwart; sie braucht die Aufmerksamkeit gegenüber Formen materieller und sozialer Armut, gegenüber Entwurzelung, gegenüber Ängsten, gegenüber Potentialen von Verachtung und Hass, von Ressentiment und Revanchismus.
Entschuldigungs- und Verdrängungsmechanismen gibt es viele.
Wenn der Selbstfreispruch der Täter nicht klappt, wenn es nicht gelingt, das Gedächtnis der Leidenden zu zerstören, wenn die Beschönigung der Unmenschlichkeit doch zu billig erscheint, dann heißt es: „Wir müssen endlich die Vergangenheit ‚bewältigen’ und ‚aufarbeiten’“. Kann man aber Tote ‚aufarbeiten’? Man kann nicht Auschwitz, Gusen oder Hartheim ‚bewältigen’!
Die Opfer lassen sich nicht bewältigen, z. B. indem man aufrechnet und beweist, dass es auf der anderen Seite auch viele gegeben hat. Zahlen lassen kalkulieren und verführen zur Gleichgültigkeit. Einzelne unverwechselbare Gesichter und Namen würden zu Nummern, eingeordnet und aufgehoben ins Allgemeine, verfügbar für mathematische Kalküls. - Wenn wir der Opfer gedenken, so wollen wir die, die zur Nummer, zum Kalkül, zur Funktion degradiert wurden, beim Namen nennen. „Denen will ich in meinem Hause und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen (Yad Vashem) geben.“ (Jes 56,5)
Das Gedächtnis der Opfer der Shoah ohne Hoffnung für diese wird zur Buchhaltung des Todes. Ein Gedenken ist ein Unternehmen unterscheidender Spurenlese, des Ausschau-Haltens nach dem ausgesetzten Menschen, nach dem leidenden Gott. Walter Benjamin entwirft ein erschreckendes Bild von der Geschichte. In einem Sprachbild über Paul Klees „Engel der Geschichte“ flieht der Engel mit dem Rücken zur Zukunft von der Vergangenheit, die sich vor ihm als Katastrophe des Untergangs, des Todes und der Zerstörung auftürmt. Der Weg zum Paradies ist versperrt; der Sturm des Fortschritts treibt ihn von ihm fort, blind, in die Arme der Zukunft. Die Zeit rollt über die Toten hinweg, in eine Zukunft, die daran nichts ändern wird. Walter Benjamin sucht eine Weise des Umgangs mit der Geschichte, in der die Solidarität mit den Leidenden, Unterdrückten und Erschlagenen nicht aufgekündigt wird.
Wenn durch das Eingedenken des Leids der Vergangenheit dieses zu einem unabgeschlossenen werden soll und die Leidenden, Opfer und Besiegten nicht bloß funktional auf den Fortschritt oder auf einen glücklichen Endzustand gedacht werden sollen, wenn es unmenschlich ist und einen Verrat an der universalen Solidarität bedeuten würde, dann muss letztlich ein Gott sein, der mit den Toten, Geschlagenen und Opfern durch die Macht der Auferweckung etwas anfangen kann.
Bischof Manfred Scheuer
