Kosmala, Benno HANS KOSMALA (1903 – 1981)

Zum 100. Geburtstag eines der größten christlichen Experten jüdischer Wissenschaft des vergangenen Jahrhunderts
Eigentlich hätte es ein ganz normaler Lebenslauf sein können: Der am 30.9.1903 als Schneidermeisterssohn in Breslau geborene Hans Kosmala entschied sich auf Drängen seiner Eltern zunächst für einen ordentlichen Beruf. Er begann Volkswirtschaft zu studieren, um Kaufmann zu werden. Doch schon nach kurzer Zeit begeisterte er sich für die Sprachen und die Kunst, was ihn reichlich brotlos machte. Deshalb begann er 1924 in einem Kohlebergwerk zu arbeiten. Bei einem Grubenunglück kam er gerade noch mit dem Leben davon. Die Sehnsucht nach einem ordentlichen Beruf schien dabei verschüttet worden zu sein. Was mit ihm zu Tage trat, war wohl aber die Begeisterung, sich fortan einem prägenden Lebensmotto anheim zu geben: Was man nicht einfach ausdrücken kann, lohnt sich überhaupt nicht auszudrücken! Als protestantischer Theologe wandte er diese Maxime späterhin aus Liebe zu Gott, den Menschen, ihren Sprachen und zur theologischen Wissenschaft auf das Verständnis des Judentums an. In einem Brief an Martin Buber formuliert er es selbst so: “ ... ich weiß nur, oder ich glaube es wenigstens, dass ich mein Leben mit der Aufgabe füllen könnte, Judentum und Christentum einander näher führen zu helfen.“
Institutum Judaicum Delitzschianum (IJD) in Leipzig
Bereits im Jahre 1870 forderte der Leipziger Alttestamentler Franz Delitzsch (1813-1890) auf einer Konferenz protestantischer Judenmissionsgesellschaften in Berlin die Errichtung eines Lehrstuhls für jüdische Geschichte und Literatur und die Errichtung eines Seminars für Judenmissionare. Grund dafür war die weit verbreitete Unkenntnis des Judentums, die er bei den meisten christlichen Theologen seiner Zeit beobachtete.
Erst 1886 wurde ein solches Institutum Judaicum in Leipzig gegründet. Es beteiligte von Anfang an auch Juden am Lehrangebot, was Delitzschs Grundsatz entsprach, wahrheitsgemäße Kenntnis des Judentums aus erster Hand zu vermitteln.
Im Herbst 1935 übernahm Hans Kosmala die Leitung des IJD in Leipzig, um im Geiste Franz Delitzschs Judentum und Christentum einander näher zu führen, was ihm allerdings zunächst eine Haussuchung der Gestapo einbrachte. Die gesellschaftlichen Entwicklungen waren Besorgnis erregend. Es war offensichtlich, dass das IJD in Leipzig unter den Nazis nicht mehr lange bestehen würde. Sein Direktor erwog daher dessen Verlegung nach Wien. Bereits am 1.12.1935 konnte der Theologe dort wieder die Lehrtätigkeit aufnehmen.
Lehrtätigkeit in den Räumen der Schwedischen Mission für Israel in Wien
“Es gab eine Insel in diesem Meer des Wahnsinns und des Jammers, die Zuflucht und Hilfe bot: die ’Schwedische Mission für Israel’ im 9.Bezirk. In ihrem Haus, in den Gottesdiensten und in den sofort einsetzenden vielfältigen Maßnahmen fanden zahllose getaufte und nicht getaufte Juden Trost und Rettung.“ So umschreibt die in der Bekennenden Kirche Österreichs engagierte Theologin Margarete Hoffer die Situation der Juden und Judenchristen im Wien der zu Ende gehenden 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts.
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Auch für Hans Kosmala und das IJD wurde das Haus in der Seegasse 16 zu einer Art Zufluchts- stätte. Der Vorstand der nordischen Missions- gesellschaften in Stockholm ermöglichte es ihm, seine Aufklärungs- arbeit gegen das Gift der national- sozialistischen Propaganda dort weiterzuführen. So können wir etwa in einem seiner erhaltenen Vortrags- manuskripte aus der Anfangszeit in Wien lesen: “Die antisemitische Blut- beschuldigung hat also ihre geschichtliche Parallele, und wir werden sehen, dass sie genauso grundlos ist wie der Vorwurf gegen die ersten Christen.“
Von 1936-38 lud Hans Kosmala monatlich zu einem öffentlichen Vortrag ins Haus der Schwedischen Mission ein. Vor allem Vertreter der jüdische Bevölkerung Wiens zeigten dafür Interesse. Das Erstaunen über sein Wissen und Engagement im Bereich der Judaica war gerade bei ihnen groß. Wie seine Gattin Katja berichtet, kam es sogar vor, dass Juden ihrem Mann vorwarfen, er sei gar kein Christ, sondern ein getaufter Jude.
“Wenn er etwas nicht wusste, hat er es ehrlich zugegeben, aber es kam nicht oft vor. Antisemitische, aber auch antichristliche Worte ließ er nicht zu! Die Diskussionen dauerten manchmal bis in die Nacht, und wir hatten meist Schwierigkeiten, die letzte Straßenbahn nach Klosterneuburg-Weidling zu bekommen, wo wir wohnten.“ So umschreibt Frau Kosmala die Atmosphäre dieser monatlichen Vortrags- und Gesprächsabende.
Von Beginn an richtete sich die Lehrtätigkeit des evang.-luth. Direktors des IJD an alle Interessierte, ohne Ausschluss anderer Bekenntnisse. Neben den schon erwähnten Wiener Juden gehörten auch Judenchristen und Katholiken zu seinen Hörern. Einer davon war Johannes Oesterreicher. Dieser Priester war Leiter des Pauluswerkes in Wien, einer Art katholischer Schwesterorganisation der Schwedischen Mission. Auch er besuchte Kosmalas Lehrveranstaltungen und lernte im IJD Hebräisch. Als Direktor des Instituts für Jüdisch-Christliche Studien an der Seton-Hall-Universität South Orange, N.J./U.S.A. sollte er später einen wesentlichen Einfluss auf Kardinal Bea und dessen Eintreten für die bahnbrechende Erklärung Nostra Aetate des II. Vatikanischen Konzils haben.
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Auch der spätere Direktor des Internationalen Missionsrates in New York, der protestantische Theologe Göte Hedenquist aus Schweden, gehörte zu den Lernenden in der Wiener Seegasse. Mit ihm gemeinsam fungierte Kosmala bis 1938 als Herausgeber der Zeitschrift Aus zwei Welten. Hedenquist erinnert sich in einem Artikel über “50 Jahre Schwedische Mission in Wien“: “Ein zufällig erhaltenes Verzeichnis der Vorlesungen und Übungen für das Wintersemester 1937/ 38 führt zwölf einstündige und zwei zweistündige Veranstaltungen je Woche auf und nennt für den gleichen Zeitraum sieben öffentliche Vorträge.“
Im Manuskript zum Vortrag “Hass und Liebe im Judentum“, welcher am 15.12.1936 gehalten wurde, können wir Folgendes lesen: “Damit, dass Israel allein die Tora empfangen hat, ist es zum Eigentumsvolk Gottes geworden, und Gottes Name ist dadurch mit dem Namen Israels in alle Ewigkeit unauflöslich verknüpft..., (so) dass jeder Schlag gegen Israel als ein Schlag gegen Gott empfunden wird.“
Im Manuskript zum Vortrag “Vom Wesen des Christentums“, welchen Kosmala am 9.3.1937 hielt, schrieb er dagegen: “Die ganze jüdische Religion war in starre Gesetzlichkeit zurückgesunken. Die Tora allein war der Mittler zwischen Gott und Mensch geworden oder vielmehr, sie stellte sich wie eine Wand zwischen Mensch und Gott.“
Die Gegenüberstellung dieser beiden Zitate lässt auf eine gewisse Ambivalenz seines theologischen Denkens in Wien schließen. Noch verhaftet in so mancher zeitbedingten theologischen Engführung, umschreibt er andererseits durch seine Vortragsthemen schon Fragestellungen, die den jüdisch-christlichen Dialog unserer Tage bewegen: u.a.
- Der Prozess Jesu (9. April 1936)
- Israel und Judentum (12. Mai 1936)
- Das jüdische Jesusbild (9. Juni 1936)
- Vom Zwiegespräch zwischen Judentum und Christentum (9. Februar 1937)
- Judentum und Christentum – eine Antwort auf jüdische Fragestellungen (9. Februar 37)
- Jesus von Nazaret und seine jüdischen Zeitgenossen (14. Dezember 1937)
- Das auserwählte Volk – Bestimmung und Geschichte (8. März 1938).
Pastor Arnulf H. Baumann vermutet: “Diejenigen, die solche Kurse (...) in Wien mitgemacht hatten, konnten offenbar immun gemacht werden gegen das Gift des Judenhasses und dazu noch ausgebildet werden, auch anderen die Augen über die Verlogenheit der Nazipropaganda zu öffnen.“ Einer davon war Magne Solheim, welcher 1937 als junger norwegischer Pastor nach Wien kam. Er erinnert sich: “Interessant, aber unheimlich waren die Vorlesungen Kosmalas über ’Quellenstudium der literarischen Argumente für den modernen Antisemitismus’. Er zeigte, wie die Nazis in ihrer Propaganda mit Wissen und Willen Lügen fabrizierten und sich der frechsten Zitatenfälschungen schuldig machten.“
Abschied von Wien
Auch als am 13.3.1938 das Großdeutsche Reich sich Österreich einverleibte, arbeitete das IJD noch weiter. Immer mehr jüdische, judenchristliche und sozialdemokratische Freunde der Kosmalas, aber auch Bekannte aus dem Kreis des Klerus aller Konfessionen wurden verhaftet oder waren verschwunden. Die Familie Kosmala begann, ihre legale Ausreise nach England vorzubereiten. Als fast alle Formalitäten erledigt waren, brachte der Briefträger eines Tages für den Direktor des IJD jenen berüchtigten orangefarbenen Umschlag: Vorladung zur Gestapo!
Seine Schwester Ruth Kosmala erklärt dazu in einem Interview: “Sie hätten ihn wohl festhalten wollen; doch hat er irgendwie sehr geschickt geantwortet, so dass der Leiter des Verhörs keine Handhabe bekam, dass mein Bruder verdächtig oder schuldig ist. Mein Bruder hat ihn verblüfft und verlegen gemacht; er war handlungsunfähig. Die ihn bewacht haben – da waren ja auch Leute vor der Tür, die zu seiner Bewachung dastanden – , die waren höchst verwundert, dass er nochmal rausgekommen ist, ja entlassen – richtig entlassen! Da wusste aber mein Bruder auch, jetzt wird’s höchste Zeit, Konsequenzen zu ziehen.“
Die Ausreise der Familie wurde schließlich genehmigt. Die Arbeit des IJD in Wien war damit allerdings beendet.
Hans Kosmala war nie ein praktizierender Judenmissionar, aber er litt darunter, dass die, welche sich zu seiner Zeit als solche verstanden, fast keine judaistischen Vorkenntnisse hatten.
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Das intellektuelle Ernst- genommen-Sein war schon ein entscheidender Ausgangspunkt Franz Delitzschs gewesen. In seinem Gefolge legte Kosmala größten Wert auf eine redliche und sachliche Gesprächsführung. In der offensiv geführten Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistisch infizierten Neutestamentler Gerhard Kittel schrieb er daher: “Der Christ aber darf sein Christentum nicht mit einem Programmpunkt einer politischen Partei begründen oder es mit ihm verwechseln. Er muss seinen Standpunkt aus dem Neuen Testament gewinnen. Dann wird er auch nicht Schiffbruch erleiden.“
Kosmala war wohl gleichzeitig theologischer Vordenker und Suchender in Gemeinschaft. Er suchte die Wahrheit, um Gott zu finden. Auch als Direktor des Schwedisch-Theologischen Instituts in Jerusalem blieb er dieser Suche treu, was im Spannungsfeld zwischen Arabern und Juden sicher auch viel Diplomatie erforderte.
Es erscheint mir bedeutsam, das Andenken dieses Mannes zu ehren, von dem die Londoner The Times 1981 nach seinem Tode schrieb: “Geboren in Breslau (...), studierte er anfangs Mathematik, moderne Sprachen und Rechtswissenschaft, aber er wurde einer der größten christlichen Experten Jüdischer Wissenschaft dieses Jahrhunderts.“
Benno Kosmala ist katholischer Gemeindepfarrer in Leipzig
 
 
Hans Kosmalas Lebensweg
1903 am 30.9. als Sohn eines Schneidermeisters in Breslau geboren
1925 Studium von Hebräisch, Griechisch, semitischen Sprachen und Theologie in Breslau und Leipzig
1928 Studium der modernen französischen Philosophie in Paris
1929 Fortsetzung der Theologie- und Judaicastudien am Institutum Judaicum Delitzschianum (IJD) Leipzig
1930 Lehrer am IJD
1931 Heirat, 4 Kinder
1934 Studienjahr am Theologischen St. John’s Hall College London
1935 Gestapo schließt IJD in Leipzig; Kosmala führt Arbeit in den Räumen der Schwedischen Mission in Wien weiter
1939 Gestapo schließt IJD in Wien; Kosmala emigriert mit Familie nach England; wird dort als “feindlicher Ausländer“ für drei Monate interniert und bleibt zehn Jahre staatenlos
1943 Vorläufige Wiedererrichtung des IJD auf englischem Boden unter dem Namen “Christliches Institut für jüdische Studien“
1947 Ordination zum Pfarrer der Presbyterianischen Kirche von England; Arbeit als deren Kontaktperson zum Judentum
1948 Britische Staatsbürgerschaft
1949 Vertreter der Kirche von Schottland in Tiberias (Palästina)
1951 Gründung des Schwedischen Theologischen Instituts in Jerusalem; Kosmala wurde für 20 Jahre dessen Direktor
1959 Theologische Promotion an der Universität Leiden zum Thema: “Hebräer – Essener – Christen“
1962 Verleihung des höchsten schwedischen Ordens durch den schwedischen Ministerpräsidenten Erlander
1962 Für 10 Jahre Herausgeber des Theologischen Jahrbuches (ASTI) des Schwedischen Theologischen Instituts in Jerusalem
1971 Ruhestand in Compton Abdale (Grafschaft Gloncester) England
1981 Am 24.4. stirbt am Ort seines Ruhestands “einer der größten christlichen Experten jüdischer Wissenschaft seines Jahrhunderts“ (Nachruf The Times)
 
Quellenhinweis:
Benno Kosmala: Hans Kosmala (1903-1981), in: A. Baumann (Hg.), Auf dem Wege zum christlich-jüdischen Gespräch. 125 Jahre Evangelisch-lutherischer Zentralverein für Zeugnis und Dienst unter Juden und Christen (Münsteraner Judaistische Studien, 1) Münster 1998, S. 86-119.
Zur Geschichte der Schwedischen Mission in der Wiener Seegasse vgl. den Beitrag von Ulrich Trinks in: Dialog - Du Siach 43 / Juni 2001
sowie http://www.meka.at

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